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Pop-Kultur 2016 – Thurston Moore kann die Zeit anhalten!


Zum zweiten Mal fand Ende August/Anfang September das Pop-Kultur Festival in Berlin statt. Nach der vorjährigen Premiere in diversen Räumen des Berghain wurde das Ganze in diverse Neuköllner Locations verlagert. Dies verlangte von den Besuchern zwar mehr Mobilität, aber es gibt Schlimmeres, als an lauen Sommerabenden durch einen szenigen Bezirk zu tingeln, in dem buchstäblich jede Ecke etwas Interessantes aufzuweisen hat.

Neben den Konzerten, Mini-Festivals und natürlich DJ-Sets gab es auch Diskussionen, Ausstellungen, Filme und Lesungen. Das Festival hat sich Internationalität und Diversität auf die Fahnen geschrieben. Das passt gut nach Berlin. So waren die Veranstaltungen in sechs verschiedenen Locations plus einen Bonus in Mitte (dazu gleich mehr) gut besucht. Neben namhaften Künstlern gab es für neue Talente die Gelegenheit, sich in der Rubrik Pop-Kultur Nachwuchs vorzustellen.

Bei der Eröffnungsveranstaltung am 31. August sprach nicht nur der Berliner Bürgermeister, sondern auch die Neuköllner grüne Bürgermeisterin Franziska Giffey. Der früher eher ignorierte oder als schwierig angesehene Bezirk ist im Umbruch, wobei es neben den Licht- auch durchaus Schattenseiten gibt, wie die Verdrängung von Mietern und kleinen Geschäften. Kunst und Kultur boomt derzeit in Neukölln. Wenn die Gentrifizierung auch hier zuschlägt, sind die spannenden Locations, Galerien und Parties bald wieder woanders. Das hat in Berlin Tradition. Längst ist die auch durch Neukölln fahrende Ringbahn kein Symbol mehr für eine Stadt-Schneise, die hüben „lebenswert“ und drüben „nicht so lebenswert“ist: die interessanten Dinge passieren immer häufiger außerhalb der Innenstadt.

Schauen wir uns nun zwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen von Pop-Kultur Berlin an:

Bereits am Vorabend der Festivaleröffnungs (30. August) gastieren MOGWAI im Admiralspalast Mitte. Schwer zu sagen, ob mit der Location versucht wurde, so etwas wie die Mailänder Scala in klein und weniger glamourös nachzubauen. Der Ort diente in den letzten gut einhundert Jahren unter Anderem als Revuetheater, Eislaufbahn und Ersatzort für die durch Bomben zerstörte Staatsoper. Derzeit sind häufig so genannte Comedians zu Gast. Radio 1 hat ein Studio im Haus, und manchmal werden exklusive Konzerte spannender Künstler wie zum Beispiel PJ Harvey oder Tom Waits präsentiert.

MOGWAI spielen am 30. August kein reguläres Konzert, sondern stellen vor vollem Hause ihren Soundtrack zu Marc Cousin´s Film „Atomic“ vor. Die 72-minütige Dokumentations-Collage des Regisseurs, der vorher mit seiner sechzehnstündigen filmgeschichtlichen Doku „The history of Film“ für Aufsehen sorgte, bekommt durch die Gitarrenmusik der schottischen Band eine ungeahnte Dramaturgie verliehen.

MOGWAI nehmen sich an diesem Abend als Personen sehr zurück. Die fünf Bandmitglieder kommen auf die Bühne, als das Licht bereits erloschen ist, setzen sich teilweise hin (so wie die Zuschauer, denn die Location ist komplett bestuhlt) & „Atomic“ startet. Die Band hat für sie typische auf- und abschwellende Soundwände mit Gitarren, Bass, Keyboard, Synthie, Drums und Percussions kreiert. Dieses Mal – so wie auch schon bei der Filmmusik für „Zidane“ – ausschließlich instrumentaler Natur. Zuweilen gibt es Kunstpausen, wenn Damen oder Herren in der Doku etwas Wichtiges oder Spannendes erzählen. Der Film besteht komplett aus Original-Footage der thematisierten Zeiten und Orte, wie zum Beispiel Nagasaki, Hiroshima, Tschernobil und Fukushima. Auch werden osteuropäische Bäuerinnen interviewt und britische alte Dokus gezeigt, die zeigen wie sich im Falle eines Atomangriffs zu schützen ist. Offensichtlich lässt der „Atomic“-Film einige Leute etwas ratlos zurück, wobei über den Auftritt von MOGWAI viele positive Stimmen zu hören sind. Nachdem der Film beendet ist, verlassen die Musiker – wieder im Halbdunkel – die Bühne. Ein untypischer, aber sehr schöner Auftritt der Band.

Drei Tage später im Neuköllner Huxleys. Diese im neunzehnten Jahrhundert gebaute legendäre Location hat etliche Inkarnationen durchlaufen: Bockbier-Haus, Wasserspaß-Bad, Marionettentheater und Gewerkschafts-Bau, um einige Beispiele zu nennen. 1982 war schluß mit lustig – die Bude wurde dicht gemacht und – kaum zu glauben – zwischen 1985 und 1990 als Rollschuh-Disco genutzt. Der Schreiberling findet: ein paar Jahre zu spät. Seine Roller-Blades verstaubten bereits seit 1983 im elterlichen Keller.

Ab 1990 wurde das Huxleys zu einer angesagten Konzert-Venue (wie auch schon in den 60er- und 70er-Jahren), Der nach wie vor rollerbladeslose Autor erinnert sich gern an eins seiner ersten Berlin-Konzerte: 1990 spielten EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN zu ihrem zehnjährigen Jubiläum: auf den Tag genau am 01. April. Als Geburtstagsgeschenk spielten ein paar sympathisch finstere Jungs mit dem Namen NICK CAVE & THE BAD SEEDS ein Überraschungs-Konzert.

Von stilbildenden und legendären Musikern darf weiterhin die Rede sein: Thurston Moore (Ex-SONIC YOUTH) spielt 2016 bei Pop-Kultur Berlin. Das ist super, das ist sinnvoll, denn wer könnte besser geeignet sein als der nach wie vor salopp wirkende (blonde Locke fällt ins Gesicht) Gitarrist, der mit seiner krachig-alternativen Kunst-Noise-Pop-Nowave-Postpunk-Band Generationen von Musik erzeugenden und Musik hörenden Menschen begeistert und beeinflußt hat?

Zuvor gibt es was auf die Ohren von THE KVB und von ZOLA JESUS, die an diesem Abend keinesfalls Vorband-Funktionen erfüllen, denn dafür sind sie zu gut und zu spannend.

THE KVB spielten anfangs vor halb leerem Saal, der sich während des Auftritts deutlich füllt. Neben der erfreulich guten neuen Single gibt es bekanntes Material der ersten Alben zu hören. Super Sound (wie immer im Huxleys) sowie leicht verschrobene Visuals machten den Auftritt zu einer schönen Sache. Postpunk-orientiert und offensichtlich Shoegaze-sozialisiert spielten Nicholas Wood (Gesang, Gitarre) und Kat Ray (Keyboards, Synthies) leider nur vierzig Minuten – da wären ein paar Songs mehr eine feine Sache gewesen.

Auf die geplante Minute genau kommt ZOLA JESUS oder um genauer zu sein Nika Roza Danilova als barfüßige Kate-Bush-2016er-Update-Hexe in rotem Tüll auf die Bühne. Zuerst steht sie ganz ruhig da. Sehr schwarze und sehr lange Haare verdecken ihr Gesicht. Sie wirkt wie ein Geist aus einem modernen japanischen Horrorfilm. Im Huxleys werden allerdings keine Kinder und danach Erwachsene erschreckt und aus dem Haus gegruselt. Look und Musik kommen gut an un wecken Begeisterung. Begleitet wird Nika Roza von einem Keyboarder und von einem Posaunisten. Diesen Umständen entsprechend sind einige der Lieder deutlich anders arrangiert als auf Platte. Da der Posaunist zuweilen zum Keyboard und zum Synthie wechselt, gibt es zwischendurch auch eher unverändertes Material zu hören. Dazu wirbelt die Sängerin quer über die Bühne, setzte sich direkt vor den Zuschauern auf einen Lautsprecher und verharrt wie in Trance in der Hocke. Dann hüpft sie von dem kleinen schwarzen Turm ins Publikum und ist plötzlich verschwunden. Sie kriecht zwischen den Leuten in den ersten Reihen durch, nur um eine Minute später weiter schräglinks auf einer bunt beleuchteten Theke zu stehen und unverdrossen weiter zu singen. Gegen Ende darf natürlich der Hit „Vessel“ nicht fehlen…

…bevor dann nach einer weiteren kurzen Pause Thurston Moore die Bühne entert. Er schlurft zum Mikrophon, welches neben einem Holzpult steht, darauf: eine kleine Lampe. Ist er jetzt Lehrer geworden? Wird der Meister heute einen Vortrag halten? In gewisser Weise ja. Thema: was sich so alles mit einer elektrischen Gitarre anstellen lässt. Spannend war im Vorfeld die Frage, mit wem Thurston aufkreuzen wird, denn er gilt seit der Auflösung von SONIC YOUTH als Solo-Künstler. Eine neue schwarz gekleidete und schwarzhaarige Bassistin ist mit an Bord. Als Reaktion auf eine Zuschauerin die bei Thurstons Anblick ganz wild wird und mehrmals „I love you“ Richtung Bühne ruft, geht er zu ihr (der Bassistin) und umarmt sie….was so einige Fragen aufwirft. Zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend kommt Kim G. in den Sinn, sowie ihre etwas merkwürdige und teilweise gemeine Biographie und ihr echt guter Auftritt in der Independent-Kino-Perle „Der Nachtmahr“.

Und jaaaa……….Debbie von MY BLOODY VALENTINE spielt heute Gitarre! Wie schön ist das denn? Si ist quasi eine Nachbarin von Thurston, denn dieser lebt – so wie Debbie – inzwischen in London. Thurston erzählt gut gelaunt zwischen den einzelnen Liedern, unter welchen Umständen sie entstanden sind – und manchmal sogar was sie bedeuten. So ist zu erfahren das „Into the wild“ ein „Anti-Empire“-Song ist, der als erstes bei den „The next day“-Sessions aufgenommen wurde. Außerdem berichtet der Künstler, sein kommendes Album wird 2017 erscheinen und den schönen Titel „Rock´n´Roll Conciousness“ tragen.

Schon beim zweiten Track „Turn on“ ist zu merken wie sehr die Songs live zerfasert und zerfranst und wieder zusammengebaut werden…das erinnert an selige SONIC-YOUTH-Tage und an deren letzten Auftritt in Berlin, als sie das Herzstück von „The Eternal“ namens „Massage the history“ in einer ausufernden Lärm-Kaskade versenkten. So auch heute: nach einem Ausflug weg vom musikalischen Hauptweg auf rumpelige Seitenstraßen wird nach diversen Krach-Umwegen zu so etwas Ähnlichem wie einer Songstruktur zurück gefunden. Von diesem Kaliber gibt es heute im Huxleys ein paar Stücke zu hören, wobei besonders die Zugabe (nicht ganz unerwartet) „Forever more“ gefällt. Band und Zuschauer wirken relativ wegedriftet, und es scheint als ob die Zeit für einige Sekunden…Minuten…oder eine Viertelstunde…stehen bleibt.

Thurston gibt sich nach dieser nahezu existenziellen Erfahrung publikumsnah und sagt sie müssen jetzt leider aufhören, er sei aber gleich am Merch-Stand, und wenn Leute mit ihm reden wollen dann können sie vorbei schauen.

Pop-Kultur ist eine interessante Veranstaltung mit einem guten Konzept. So wie es aussieht wird das Ganze im Jahr 2017 wieder stattfinden – vielleicht erneut in einem anderen Teil der Stadt?

Denn gute Musik und gutes Berlin haben eine Gemeinsamkeit: beides befindet sich in ständiger Wandlung.

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