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Avantgarde. Dieses Wort und die dazugehörige Musikrichtung ist in meinem Gedächtnis irgendwie unter „Unhörbar“ oder „Sperrig“ eingeordnet.

Vö: 03.05.2019Erased TapesLP kaufen

Vermutlich sind das Fehlen gängiger Songstrukturen oder eingängiger Melodien der Grund dafür, dass ich diesem Genre nicht sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt habe. Eine kreative Szene ist definitiv vorhanden und unzählige Klangkünstler erforschen inzwischen das Gebiet von modularen Synthesizern, Tape Loops und analogen Effekten.

Das mir nun vorliegende Album von Qasim Naqvi, welches vom Qualitätslabel Erased Tapes veröffentlicht wird, schlägt genau in diese Kerbe.

Qasim Naqvi ist hauptberuflich Schlagzeuger des Akustik Trios Dawn Of Midi und seine Faszination für Rhythmus und Elektronik lebt er nun auf seinem ersten Soloalbum mit seinem Modular Synthesizer aus. Experimentelle elektronische Musik ohne auf Anhieb erkennbare musikalische Strukturen. Ohne Beats oder Gesang – alles instrumental. Es klackern und pluckern elektronische Geräusche aus den Boxen, dass man sich fühlt wie in einem Science-Fiction-Videogame aus dem Jahre 2090. Nicht greifbare Melodien und repetive Strukturen verschaffen dem Sound eine meditative Stimmung. Dabei agiert der Künstler oftmals nur tonal oder aber er konzentriert sich ausschließlich auf Texturen. Ob man das hier als Musik gelten lassen kann, möchte und kann ich nicht entscheiden – interessant ist es auf jeden Fall.

Man fühlt sich an Klangforscher wie Caterina Barbieri oder Alessandro Cortioni erinnert – beide versuchten, wie Naqvi jetzt, das Erbe des Synthesizer-Wegbereiters Morton Subotnick gerecht und voller Hingabe zu verwalten. Das gelingt auch wirklich gut.

Die 6 Stücke von Teenages erstrecken sich über knapp 40 Minuten und zeigen den Forschergeist des Herrn Naqvi.

Intermission ist ein sich wiederholendes Sound-Ungetüm, welches sich nur in Nuancen verändert. Diese leichten Veränderungen machen aber gleichzeitig den Charme aus. Man bekommt fast den Eindruck, als hätte der Künstler den modularen Synthesizer alleine gelassen, um zu schauen was das Instrument fabriziert.

Das folgende Mrs 2E ist fast schon tanzbar und brilliert durch einen packenden Rhythmus der einzelnen Töne. Palace Workers funktioniert nach dem selben Prinzip – hier werden aber mehr abgehackte Sounds des modularen Synthesizers übereinander geschichtet. No Tongue könnte auch ein Nils Frahm-Outtake sein – ich finde das Stück wirklich eingängig und richtig gut. Die Wärme der Klänge bringen mich förmlich zurück ins analoge Zeitalter. Das folgende Artilect würde in der Ambient/Drone-Szene sicher eine gute Figur machen. Dieser langsame, sich wiederholende Bass Sound entfaltet eine beindruckende Stimmung. Dunkel und düster. Der abschließende, über 18 Minuten dauernde Titelsong, zeigt in absoluter Perfektion den Forschergeist und die Sound-Ästhetik des Künstlers. Variationen einzelner Tonfolgen entfalten einen fast schon Mantra-artigen Sog. Das klingt wirklich ungewöhnlich und schräg.

Qasim Naqvi beweist mit seinem ersten Soloalbum, dass er zur Elite der Modularen Klangforschung gehört.

Dass man sowas nicht zum Frühstück hören kann, dürfte jedem klar sein. Musik ist das jedenfalls nicht. Es handelt sich hier viel eher um ein wissenschaftliches Dokument der elektronischen Klangkunst. Sperrig, unzugänglich und fast unhörbar. Ich bin froh dieses Album gehört zu haben – verstanden habe ich es hingegen noch lange nicht. Es passiert einfach zu viel. Qasim Naqvi macht mit Teenages Lust auf mehr. Mehr Forschung, mehr Experimente und mehr Entdeckungen. Ich bin auf die Ergebnisse gespannt.

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Bewertung des Autors Jan Platek
Zusammenfassung
Qasim Naqvi beweist mit seinem ersten Soloalbum, dass er zur Elite der Modularen Klangforschung gehört. Dass man sowas nicht zum Frühstück hören kann, dürfte jedem klar sein. Musik ist das jedenfalls nicht. Es handelt sich hier viel eher um ein wissenschaftliches Dokument der elektronischen Klangkunst.
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