Spinnup_DuWillst

Noch bevor ich in dieses schlicht unbetitelte Debut hineinhören durfte, wurde ich von allen Seiten auf die Band mit dem eigensinnigen Namen Rosemary & Garlic hingewiesen.

LP kaufen Vö: 12.01.2018 Rosemary & Garlic

Irgendwie schienen schnell in aller Munde zu sein, jetzt galt es nur noch herauszufinden, warum. Rosmarin und Knoblauch? Dabei denke ich unweigerlich an Lammkoteletts, aber ich darf versichern, dass beim Genuss der Musik kaum ein Gedanke an so etwas banales wie Nahrungsaufnahme verschwendet wird. Die Niederländer Anne und Dolf zelebrieren auf ihrem ersten Album eine atemberaubende, träumerische, mitreißende und schlichtweg wunderschöne Spielart des modernen Folks, mit gewagten stilistischen Ausreißern.

Gleich das einleitende „Birds“ kommt regelrecht heran geschwebt und besticht durch eine durchdringende, klangliche Räumlichkeit. Ein melancholisches, verträumtes Piano wird vorsichtig von Keyboardstreichern getragen, dann setzt die wunderschöne, glockenklare Stimme von Anne ein und besiegelt den Bann. Unscheinbare und verhaltene Hintergrundgesänge sorgen gegen Ende für zusätzliche Gänsehaut. Die vielenorts zurecht gelobte Vorabsingle „I’m Here“ schüttelt jede Melancholie des Vorgängers ab und schickt eine mit Gitarren und Klavier gestrickte, erweckende und erfrischende Melodie in die Welt. Die Stimme erinnert nicht zu letzten Mal an Tori Amos, eine der großen und charismatischen Stimmen unserer Zeit. Häufige Akkord- und Stimmungswechsel verleihen dem Stück angenehme, dramatische Züge.

Auf dem saften aber durchaus intensiven „Julia“ darf auch Dolf ein paar Takte singen und gibt seine ruhige, angenehme Stimme kurz zum Besten. Davon hätte man insgesamt etwas mehr haben können, die beiden Stimmen harmonieren sehr gut. Leise Chöre im Hintergrund geben dem Song eine ausreichende Dichte, der große Nick Drake könnte hier gut Pate gestanden haben. Zum ersten Mal moderner wird es bei „Blue Boy“, bei dem leichte, seltsame Elektroklänge einen sehr undeutlichen Rhythmus formen und nur für das Klavier und diese tolle Stimme Platz machen. Die Stimmung ist wohlig, ein Moog und gedoppelte Gesangsspuren erzeugen ein festes Fundament. „Take This Hand“ gibt einer Akustikgitarre Raum, die ein wirklich cooles Folk-Riff vorlegt, dass mit von Elektrogitarren gespielten Leads einhergeht. Erinnerungen an Genrehelden wie Denison Witmer oder Sufjan Stevens werden wach. Auf ein Klavier wird hier verzichtet, dafür baut man auf immer breiter werdenden, fast schon postrockigen Hintergrundsound. Obwohl nicht viel passiert, ist trotzdem eine angenehme Abwechslung spürbar.

Die modernen Elektrosounds, die ja bereits angedeutet wurden, erfahren ihren Höhepunkt in den nächsten Tracks. „The Tempest“ besteht vorerst nur aus spacigen Keyboardsounds und Stimme. Alles wirkt nach kurzer Zeit weniger klassisch, als eher poppig und zeitgenössisch, elektronische Rhythmen wachsen langsam aus dem musikalischen Boden. Obwohl nach Einsetzen der Gitarre, die dem Ganzen einen triphoppigen Charakter gibt, von einem fertigen Popsong gesprochen werden kann, bleibt alles zu reduziert und unaufgeblasen, als dass es im Radio verheizt werden könnte. „Fireflies“ ist der endgültige Höhepunkt der modernen Seite und rumpelt mit dicken Drums und superdramatischen Klaviertönen voran! Bedrohliche 80s-Sounds verdrängen den letzten, folkigen Rest vorerst aus unserer Hörweite, leise und laute Parts im Wechsel erzeugen Spannung. Bemerkenswert wie gut das hier funktioniert! Das wunderschöne, traurig-nachdenkliche „Wintering“ ist zwar noch weit vom Folk entfernt, es bedient sich wieder allerhand elektronischem Instrumentarium. Tiefe, verschwommene Trommeln, Elektrohighlights, umherschweifende Postrock-Gitarren und wieder diese wunderbare Stimme, sie erzeugen eine wahnsinnige Atmosphäre!

„Shine“ tastet sich wieder langsam an die folkigen Töne des Anfangs heran, eine sanfte Elektrogitarre wird gepickt, die Stimmung ist wieder weniger fröhlich, es tropfen eine Beats herab, das Klavier flattert wie gewohnt durch den Raum. Musik voller trauriger, kühler Schönheit. Natürlich wird zum Ende das eigentliche Genre wieder in den Fokus gestellt und mit „Dreamer“ wird noch einmal ein grandioses Folkstück präsentiert. Ganz besonders positiv fällt hier auf, dass die schöne Stimme ohne jeden Effekt (Hall, z. B.), völlig nackt und ehrlich aufgezeichnet wurde. Damit wird erst spät deutlich, von welch hoher Qualität die Gesangsleistungen sind. Ein Klavier darf nicht fehlen, eine Steigerung durch unterschiedliche, hinzukommende Klänge nehmen wir gerne an und fühlen uns erfrischt, nachdem der letzte Akkord verklungen ist.

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