Verträumter Indie-Elektro-Folk macht den Kopf frei und entspannt die Glieder.

Vö: 28.09.2018 Sinnbus Records iTunes LP kaufen

Ruth und Brooklyn Dekker von Rue Royale sind nicht nur musikalische Partner, sondern auch im echten Leben ein Ehepaar. Ursprünglich aus den USA, haben sie zugunsten ihrer Musik Großbritannien als Wahlheimat erkoren und fanden beim Berliner Label Sinnbus eine Heimat für ihre Veröffentlichungen. „In Parallel“ ist ihr viertes Album und ich habe mich heute näher damit beschäftigt.

Auf „In Parallel“ gibt es grundsätzlich keine Höhepunkte. Was jetzt natürlich erst mal negativ klingt, soll aber überhaupt nicht so verstanden werden.

Es gibt natürlich besondere Momente, emotionale Peaks innerhalb der Songs, aber eher selten klassische Aufteilung in etwa Strophe oder Chorus. Überhaupt fällt es nicht immer einfach zu erfassen, wo man sich jetzt genau auf der Platte befindet. Irgendwie erscheint alles gleich, aber doch auch ganz und gar nicht! Höchst interessant. Musikalisch wird hier auch eher mit einfachem Wasser gekocht, also vielmehr minimalistisch gearbeitet, da die Songs immer aus analogen, instrumentalen Folk-Tönen und wandelbaren Elektroanteilen gestrickt sind.

Die Einleitung „Introduction“ schwebt schon mit Akustikgitarren in den Raum, die mit elektrischen Sounds unterlegt werden, die entfernt an Walgesänge erinnern. Das ganze Konstrukt, dass um einen stoisch stehenden Akkord gewoben wird, wir immer breiter und dichter, bis ein bis fast zur Unkenntlichkeit verzerrtes Gitarrenlick und Feedback zum nächsten Song überleiten.

„Thrown By The Wind“ übernimmt das Akkordfundament des Intros und verfeinert es mit Elektrogitarrennoten. Eine geisterhafte, weibliche Stimme erscheint und fesselt. Ein aufgeregtes und überaus hektisches Schlagwerk setzt ein, bleibt aber soweit im Hintergrund, dass der beruhigende Vordergrund überwiegt. Spannende Sache!

Mit dem folgenden „Signs Are All Gone“ schlagen Rue Royale schon wieder ruhigere Töne an. Rückwärts gespielte Töne verbreiten ein psychedelisches Flair, dieses Mal übernimmt eine männliche Stimme den Gesangspart und wird durch unartikulierte Töne seines weiblichen Counterparts und von wabernden Keyboardteppichen unterstützt. Melancholisch und mystisch ist die Stimmung, die Musik liegt sehr angenehm im Ohr. Ein wunderschönes Klavier und schwer verortbare Klingeltöne bietet „Facing Forward“. Konträr zum Rest laufende Basstöne verwirren mich etwas und machen die Musik aufregend und undurchsichtig. Ob hier analoges oder digitales Schlagwerk oder gar beides verwendet wird, erschließt sich mir im ersten Durchgang noch nicht. Ein doppelstimmig vorgetragener Teil, der wie eine Beschwörung klingt, leitet den Strom weiter.

„Chip Away“ strotzt plötzlich nur so vor Melodien und das erste, richtig gefällige Riff erscheint auf der Bildfläche. Die Gitarre wird angezerrt, der Gesang erneut gedoppelt. Frisch und aufgeregt, mit gut akzentuierten Drums unterlegt und einem stets wiederkehrenden Thema einer der stärksten Stücke auf dem Album.

„For Which Is Heavy“ und vor allem „Sprialling“ sind grundsätzlich fast schon klassische Folkstücke, nur dass hier neben den sonst auch häufig verwandten Elektroakzenten auch brutzelnde Fuzz-Gitarren ihr hintergründiges Unwesen treiben. Mich erinnert das alles mancherorts an die längst vergessenen RED RED MEAT und ich erfreue mich daran. Vor allem sprießen hier auch wieder Melodien aus dem musikalischen Nährboden und der sphärische Gesang treibt mich zunehmend in die absolute Ruhe.

Das leicht hippieske „Why Must I Build“ kann überhaupt kein Wässerchen trüben und besticht mit feinen Soloparts und spürbar warmen und sonnigen Tönen, während „(Parallel) Lines“ beginnt Spannung aufzubauen, nur im sie später wieder in Harmonie zergehen zu lassen.

Das ganz große „Eagerly Hunting“ schafft letztlich den Sprung in Richtung Trip Hop und baut die erneut eine gespenstische Atmosphäre auf, die nach und nach ins Unermessliche gesteigert wird. Man kommt kaum umhin, Parallelen (no pun intended) zu anderen, britischen Künstlern zu ziehen. Vor allem sind die verwendeten Melodien nicht so leicht zu erkennen wie bei den anderen Stücken, nein, man muss sie sich ein wenig erarbeiten. Sollte ich nach einem Anspieltipp, der stellvertretend für „In Parallel“ steht gefragt werden, es wäre eindeutig dieser Song!

„The Rain Came And Gave“ und „I Don’t Know What It Is“ drehen das gerne verwendete, aufbauende Element gewissermaßen herum und stehen musikalisch und stimmungsmäßig wieder ein wenig auf Rückzug und Besänftigung. Vor allem das letzte Stück wirkt dabei vorerst ungeahnt poppig und wird nur durch später hinzugefügte Zerrelemente noch einmal aufgebauscht.

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  • 8/10
    Autor Steffen Eggert - 8/10
8/10

Kurzfassung

Absolute Kopfmusik, voller Stimmungen und verschiedenen Aufbauten. Die perfekte Schnittmenge zwischen klassischem Folk und dezenter Elektromusik.

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