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Als Frontman der viel gefeierten Alternative Band Aereogramme, verabschiedete sich Craig B bereits 2007 endgültig vom Business. Umso glücklicher waren die Fans, als es mit „The Unwinding Hours“ und zuletzt „A Mote Of Dust“ weiterging.

Doch nun sagt der humorvolle Schotte abermals Adieu, indem er gleichzeitig sein zweites und letztes Album ankündigt. Im ausführlichen prettyinnoise.de-Interview sprechen wir u.a. über die On/Off-Beziehung mit der Musik, den Selbstdarstellungswahn auf Social Media sowie die Arbeit am letzten Album. Außerdem verrät uns Craig B, wer seine aktuellen Lieblingskünstlerinnen sind und welche spezielle Zutat sein Lieblingsgericht ausmacht.

Aereogramme | (c) Jane Duncan

Bittersüße Pille Social Media

Craig B, hat sich deine Wahrnehmung von der Musikindustrie seit 2007 geändert? Sind die Gründe für deinen Rückzug noch die gleichen wie damals?

Meine Wahrnehmung vom Business hat sich zwar geändert. Aber die Gründe für meinen Rückzug sind diesmal anders. Nachdem es mit Aereogramme aus war, habe ich den Entschluss gefasst, es nicht mehr zu versuchen, von der Musik leben zu wollen. Dennoch haben mir „The Unwinding Hours“ dabei geholfen, mich während meines Studiums über Wasser zu halten. Der Weg zurück an die Uni war der Versuch, etwas anderes mit meinem Leben anzustellen. Also war mir damals schon klar, wohin die Reise geht. „A Mote Of Dust“ fühlte sich schon immer wie ein letztes Kapitel an. Es hat nur eben zwei Albumlängen gedauert.

Was die Musikindustrie betrifft, so hat sich die Landschaft entscheidend geändert. Es gibt einige phantastische neue Plattformen für neue Bands und Künstler, auf denen sie entdeckt werden und ihre Musik teilen können. Trotzdem fühlt es sich so an, als ob man heutzutage mehr ein Verkäufer sein muss – und ich bin ein furchtbarer Verkäufer. Versteh‘ mich nicht falsch, natürlich gehörte das schon immer zu einem gewissen Grad zum Musikerdasein dazu. Aber jetzt ist es so, als ob man kontinuierlich neue Wege finden muss, um an Geld ranzukommen. Um als Künstler zu überleben, muss man sich ständig ins Gedächtnis der Leute rufen, um Aufmerksamkeit auf den Social-Media-Plattformen buhlen. Sich ständig darum bemühen zu müssen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ist nicht gerade das, was ich an Musikmachen liebe. Ich fand es schon immer besser, wenn die Musik für dich spricht und das Hauptaugenmerk ist.

Einige renommierte Musikmagazine, die über originelle, unbekannte Künstler berichtet haben, stellen ihre Aktivitäten ein. Denkst du, dass hörenswerte Bands auf der Strecke bleiben, wenn sie nicht gerade Social-Media-Experten sind?

Eine Band kann auf Social Media entdeckt werden, aber ohne Label, ohne Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, wird der Social-Media-Buzz nicht ausreichen. Es wird nicht möglich sein, sich im „Weißen Rauschen“ des Internets durchzusetzen. Um Werbeeinnahmen zu generieren, muss man die Besucherzahlen steigern. Das wiederum erfordert, dass ständig neuer Content veröffentlicht wird. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das unbedingt auch Qualität hervorbringt. Insbesondere, wenn man sich auf ein Genre konzentriert. Ich brauche keine Million durchschnittlicher Bands, die einem ständig präsentiert werden. Ich möchte nur richtig gute neue Bans kennenlernen, die mit Leidenschaft besprochen werden, weil sie etwas Besonderes produziert haben. Leider weiß ich, dass es da draußen viele Magazine und Webzines gibt, die mit jeder Ausgabe darum kämpfen, bestehen zu bleiben. GoldFlakePaint aus UK ist ein Beispiel dafür – sie versuchen kreativ und progressiv zu sein und sind wirklich aus vielerlei Hinsicht bewundernswert. Ich bin mir sicher, du kennst noch einige andere Beispiele, die hervorzuheben wären (inklusive euch selbst!). Ich schätze, das hat damit zu tun, wessen Empfehlungen man vertraut. Ich habe jetzt die monatlichen Genre- Vorschläge von Bandcamp abonniert, weil ich deren Plattform liebe. Es ist eine tolle Möglichkeit, neue Songs zu entdecken und die Bands, die man toll findet, weiterzuverfolgen. Was mit diesen ausgewählten und so kurzfristig promoteten Bands weiterhin passiert, ist schwer zu sagen. Denn sie werden langfristig trotzdem ein Label brauchen, das sie unterstützt.

Was missfällt dir ganz konkret an Social Media?

Ich finde es unschön, dass von einem erwartet wird, ständig über sich selbst zu berichten, um die Leute zum Kaufen der Musik zu bewegen. Ich verstehe, dass es bis zu einem gewissen Grad notwendig ist, und ich tue es ja auch. Aber ich komme da sehr schnell an einen Punkt, an dem ich mir wie eine kaputte Schallplatte vorkomme, irgendwie verzweifelt, nervig. Es fällt mir viel leichter, andere Musik, die ich liebe, zu teilen, weil es mehr Sinn für mich macht. Denn warum solltet ihr mir glauben, wenn ich sage, dass mein neues Album toll ist? Wenn ich ständig etwas dazu poste, dann ist es so, als ob ich Leute bekehren wollte. Wenn ich etwas bei Twitter eintippe frage ich mich oft „na und?“ und lösche es einfach wieder, weil ich nicht dazu beitragen möchte, dass der Lärm noch größer wird. Es sei denn, ich habe wirklich etwas wertvolles mitzuteilen. Generell denke ich, dass ich introvertiert bin und Social Media etwas für extrovertierte Menschen ist.

Die Arbeit an “A Mote of Dust II

Du zeigst uns dein Ich auch eher in einer poetischen Art und Weise durch deine Lyrics. Siehst du das auch so?

Ich bin mir nicht sicher, ob es poetisch ist, und ich versuche auch nicht unbedingt etwas über mich preiszugeben. Ich habe bloß immer die Musik dazu genutzt, meine Gedanken auszudrücken und sie so irgendwie aus meinem System rauszubekommen. Aber es braucht schon eine Weile, die Dinge auf eine Art und Weise auszudrücken, mit der ich zufrieden bin. An den Lyrics zum neuen Album habe ich wesentlich länger als sonst gearbeitet. Da haben wir wieder die Verbindung zu meinem Verhalten auf Social Media: Ich verbringe sehr viel Zeit damit, nicht das Falsche zu sagen und Social Media verführt einen dazu, einfach jeden Hirnfurz mitzuteilen. Also tendiere ich dazu, mich davon abzuhalten, nicht einfach drauflos zu brabbeln. Das passiert mir eher, wenn ich vom Pub nach Hause komme.

Ein Journalist hat mal das Gefühl, was man beim Hören deiner Musik hat, ganz gut beschrieben: als sei man in ein intimes Hinterstübchen eines Kopfes eingeladen und es würde sich eine geheime Tür zum Dachboden öffnen. Ist dir bewusst, was für eine Wirkung deine Musik auf deine Hörer hat? Hast du eine Erklärung dafür?

Ich hatte das große Glück, dass mir die Leute über die Jahre hinweg unglaublich viele liebe Nachrichten geschickt haben. Seit den „A Mote Of Dust“-Alben hat sich das noch einmal verstärkt. Es ist wirklich rührend, aber ich habe mich zu einem ganz frühen Zeitpunkt darauf getrimmt, Feedback nicht zu sehr an mich heranzulassen. Einfach um zu verhindern, dass mir das Lob zu sehr zu Kopf steigt oder die negative Kritik mich zu sehr verletzt. Heute kann ich es viel besser verstehen und wertschätzen, dass speziell Aereogramme nach so langer Zeit immer noch vielen Menschen etwas bedeutet und weiterhin Teil ihres Lebens ist. Ich habe keine Erklärung dafür, warum es so ist. Ich freue mich nur darüber, dass es so ist.


https://youtu.be/fJdNQaW5XqA

Das neue Album scheint noch ein Stück energetischer zu sein. Wie würdest du selbst den Sound beschreiben und wie war die Arbeit daran?

Ich bin furchtbar darin, die eigene Musik zu beschreiben. Aber ich kann sagen, dass es weniger minimalistisch ist als das erste, und dass es eine bewusste Entscheidung war. Viele der Anfangsideen stammen von Graeme, was sehr erfrischend für mich war und was mich wieder zum Schreiben inspiriert hat. Viel von dem, was er mir gezeigt hatte, fühlte sich schon so an, als ob nur noch meine Stimme fehlen würde. Als er mir z.B. die Demo-Version von „Slow Clap“ geschickt hat, hat es sich direkt anders angehört. Trotzdem habe nicht ein einziges Mal daran gedacht, es deswegen nicht aufs Album zu nehmen. Alben, die in verschiedene Richtungen fließen, fand ich schon immer viel interessanter. Daher fühlte es sich natürlich an, auch bei diesem Album eine andere Richtung einzuschlagen. Wir haben uns im letzten Jahr die Zeit genommen mit Bedacht daran zu arbeiten. Also ist es eher ein Spätzünder und ich freue mich wirklich darauf, wenn die Leute es auch endlich hören können.

Was inspiriert dich noch? Bücher, Philosophie, Religion, Filme? Vielleicht sogar aktuelle Bands, die du magst?

Musik inspiriert mich immer. Zuletzt haben mich Big Thief, Mitski und Joan Shelley ziemlich vom Hocker gehauen. Sie machen nicht wirklich etwas komplett Neues, aber sie haben eine ganz besondere Art und Weise mit Melodien umzugehen und die Lyrics kunstvoll drumherum zu bauen. Ich finde das sehr inspirierend. Ich höre auch Heavy Metal, weil mich die technischen Fertigkeiten und die nackte Wut einiger Bands einfach glücklich stimmt. Ich schaue mir auch viele Filme an. Zuletzt „Hereditary“. Ich fand es einfach großartig, dass der Film von Anfang ein Gefühl des Unbehagens gestreut hat, was im Laufe des Handlung
weiter gesteigert wird und in einem krassen Ende mündet. Religion ist mein Lieblingsthema und ich könnte ganze Nächte über die Bibel sprechen, wenn man mich lässt. Ich bin ein Atheist, aber das Studium hat mir wirklich dabei geholfen, mein kritisches Denken und Bewusstsein weiterzuentwickeln. Das Fehlen des kritischen Denkens in der heutigen Welt oder die Art, wie es manipuliert werden kann, war tatsächlich eine Inspiration für viele neue Songs.

Oft haben melancholische Menschen einen stark ausgeprägten Sinn für Humor. Welche Art von Humor magst du?

Humor ist sehr schwer zu beschreiben. Ich denke, dass das hier sehr witzig ist. Insbesondere, wenn die Backingvocals einsetzen.


https://www.youtube.com/watch?v=DuUfSOKyhWQ

Und das hier.

Oprah & Her Bees

Was macht Craig B ohne Musik?

Denkst du, dass du irgendwann wiederkommen wirst? Oder dass du jetzt einfach für eine Zeit auf andere Art und Weise kreativ bist?

Ich habe ganz klar beschlossen, aufzuhören. Ohne zu wissen, was als nächstes kommt und ich kann nicht sagen, warum. Es fühlt sich einfach richtig an. Es ist besser aufzuhören mit einem Album, auf das ich stolz bin. Der Drang, Musik zu machen, hatte sich bei mir bisher zwar immer wieder bemerkbar gemacht, aber jetzt ist er einfach nicht mehr da. Wenn ich nochmal auf irgendeinem Wege Musik machen sollte, dann sicher nichts „Offizielles“. Im Moment habe ich keine neuen Songs in mir und das ist ein ganz neues Gefühl. Ich kann nicht sagen, dass mich das freut, aber es fühlt sich auch nicht falsch an.

Craig B | (c) John Speirs

Wie würdest du dich als Privatmensch beschreiben und was ist das Wichtigste für dich in deinem Leben?

Da solltest du wohl andere Menschen fragen. Ich bin da wohl zu befangen. Ich bin mir sicher, dass manche sagen würden, dass ich furchtbar bin und andere würden sagen, dass ich in Ordnung bin. Ich versuche einfach kein Arsch zu sein. Das ist doch ein anständiges Ziel im Leben. Was mir sonst wichtig ist? Freunde, Bier, Computerspiele, Ruhe, Musik und Film. Generell alles, was meinen Geist gesund hält.

Du bist ja auch Teilzeitkoch – was ist dein Lieblingsrezept?

Ich habe in letzter Zeit mehr vegetarisches Essen zubereitet, da ich die enormen Umweltschäden, die auf Fleischverzehr zurückzuführen sind, nicht rechtfertigen kann. Ich experimentiere da sehr gerne. Ein Gericht, das ich zwar selten, aber sehr gerne zubereite ist der „Laphroaig Burger“, dessen Patty mit einer kleiner Menge Laphroaig Whisky gewürzt wird. Getoppt mit geschmolzenem Blauschimmelkäse und Rucola-Mayo. Dazu handgeschnittene Pommes.

Hattest du irgendwelche Vorsätze für dieses Jahr?

Nein. Ich versuche immer halbwegs gemäßigt zu leben, aber das Leben ist kurz, um sich Freuden zu verwehren.

Apropos „das Leben ist kurz“: man sollte eure letzten Tourdaten nicht verpassen. Wo spielt ihr denn überall?

Einige Termine stehen schon fest, an anderen arbeiten wir noch.

A Mote Of Dust spielen u.a. am 5.4. in der Wohngemeinschaft in Köln, am 6.4. wieder einmal in der Kassette in Düsseldorf und am 7.4. im Fachwerk Gievenbeck in  Münster.

Titelbild: Craig B @ die naTo Leipzig 2016

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