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Scott Weiland – Sänger der Stone Temple Pilots, Velvet Revolver und gestandener Solokünstler – das Chamäleon, wie man ihn auch nannte – verstarb am 03. Dezember 2015 in seinem Tourbus in Bloomington, Minnesota an einer Drogenüberdosis.


Natürlich ist Pretty in Noise ein Indie-Magazin, das klar auch seinen Fokus auf aktuelle Acts und Neuheiten richten sollte, doch manchmal gibt es auch die ein oder andere Ausnahme, die einen kurzen Schweif zurück in die Vergangenheit erlaubt.

Für mich endete das Jahr 2015 wie für viele andere mit einem großen Schock auf den kurze Zeit später mit dem Tod von Lemmy und Bowie noch zwei weitere folgen sollten. Einer der prägendsten Personen meines Musikdaseins hatte uns in diesem Jahr auf unschöne Weiße verlassen, nach einem ebenso langen Kampf gegen seine inneren Dämonen und seine schwere Drogensucht: Scott Weiland – Sänger der Stone Temple Pilots, Velvet Revolver und gestandener Solokünstler – das Chamäleon, wie man ihn auch nannte – verstarb am 03. Dezember 2015 in seinem Tourbus in Bloomington, Minnesota an einer Drogenüberdosis. Woran auch sonst bei diesem Gemüt? Und das kurz bevor es hieß wieder auf der Bühne zu stehen…

„Interstate Love Song“, „Plush“, „Sour Girl“, „Dead and Bloated“, „Wicked Garden“, „Vasoline“, „Big Empty“, „Sex Type Thing“, „Creep“… man könnte diese Liste endlos fortführen und dies verdeutlicht nicht mal im Ansatz wie groß dieser Sänger war. Wohl einer der schillerndsten und talentiertesten Songwriter der letzten dreißig Jahre. Niemand vermochte es auf diese Weiße Alltagsprobleme zwischen Liebe, Leiden und Tod künstlerisch so gewitzt auszudrücken:

I can’t eat, I can’t sleep, I can’t live, I can’t cry, I can’t die, I can’t walk, I can’t talk, Booze I can booze, Steal your shoes, So I can move, Tumble in the rough…

Auszug aus „Tumble In The Rough“ von „Tiny Music… Songs From The Vatican Gift Shop“ (1996).

Scott Weiland

Große Einflüsse prägten dieses zarte, sensible aber dämonische Gemüt des Herrn aus San Diego, zu denen sich natürlich auch immer ein oder zwei passende Pilots Songs nennen lassen: Beatles – „Pop Loves Suicide“ oder „Big Bang Baby“, Stones – „I Got You“, der mittlerweile ebenfalls verstorbene Bowie – sein größtes Idol – „Hello It’s late“, Doors – „Altanta“, Zeppelin – „Big Empty“ oder „Pretty Penny“. Alle ganz natürlich und authentisch gepaart mit einer gewissen Prise Humor und Energie, die nur Weiland inne hatte.

Ebenso wenig verwunderlich, dass die Pilots anfangs als Grunge-Kopien verschrien waren – Weiland als billige Kopie von Vedder und Staley. Die Band mauserte sich aber zu einem Hit-Koloss. Jedes Album eine neue Offenbarung – Stilwandel überall – modisch als auch visuell. Als Unwissender mag man Songs wie „Atlanta“, „Art School Girl“ oder „Dead and Bloated“ als „nicht von den selben Menschen geschrieben“ erkennen.

Natürlich darf man das Kollektiv um Weiland herum auch nicht vergessen: die Fab Four der 90er. Die Basslines und Gittarrenhooks der DeLeo Brüder, wie sie kreativer und melodischer nicht sein konnten. Ich denke da nicht nur an den Bass in „Sour Girl“ oder das Gitarrensolo von „Silvergun Superman“.

Dass er aber auch alleine produzieren konnte bewies Weiland stets mit Nebenprojekten und seiner Sololaufbahn. Das großartige „12 Bar Blues“ (1998) z.B. mit vergessenen Juwelen wie „Barbarella“ oder „Mockingbird Girl“ – als seine Pilotenkollegen das ebenso großartige Talk Show Album (eigentlich ein zweites „Tiny Music…“) auf den Markt brachten. Und auch spezielle Richtungen wie das Coveralbum „A Compilation of Scott Weiland Cover Songs“ (2011) auf dem sich neben Radiohead und Nirvana-Titeln auch Bowie, die Stone Roses oder Depeche Mode Cover befinden, waren dann doch immer mit der unverkennbaren Stimme genießbar. Dass er im selben Jahr mit „Most Wonderful Time of the Year“ (2011) dann auch noch ein Weihnachtsalbum veröffentlichte spiegelte abermals seine Wandlungsfähigkeit wieder. Hier trällerte er ganz auf die amerikanische Sinatra-Art Songs wie „White Christmas“ oder „Winter Wonderland“ – seit dem alle Jahre wieder über die Tage in der guten alten Stereoanlage bei Mutti…

Seine Frau bezeichnete ihn im Nachruf nur noch als Schale seiner selbst, welche lediglich noch physisch anwesend war, Zitat: „He died years ago“. Doch seine Stimme hatte er bis zuletzt nicht verloren, mal abgesehen von einigen Fehltritten z.B. die missglückte Vasoline Performance im letzten Jahr oder die erzürnten Fans bei Meet and Greets, die er sitzen ließ. Traurig sah das bereits da schon aus.

Die Pilots merkten aber anscheinend auch, dass es ohne ihn nicht so richtig geht, auch wenn nicht öffentlich zugegeben. Chester Bennington hatte das sinkende Schiff da schon längst verlassen, wieso auch nicht, wenn er mit seiner anderen Band Jahresumsätze der Pilots an einem Abend machen kann. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein Fan bleibt er jedoch, der es ebenso verstanden hat, wie wichtig die Musik der Herren aus San Diego für die 90er und die Rockgeschichte an sich war.

So ganz die Kurve hatten die Pilots nach der Reunion 2010 dann doch nicht mehr gekriegt, das selbstbetitele Album konnte nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen, war keine unersetzbare Platte mehr wie die fünf Vorgänger, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Womöglich Geschäftsinteressen, verschiedene Produzenten und künstlerische Ansichten wie man hörte – nicht die Musik stand hier mehr im Vordergrund.

Scott Weiland

Seine inneren Dämonen hatte Weiland nie besiegt, zu lange seine Drogensucht, zu tief seine Depressionen und die Bipolare Störung, die er jedoch auch immer in seine Kunst mit einfließen lies u.a. das großartige „Bi-Polar Bear“ von „Shangri-LA DEE DA“ (2001). Nach der Schreckensnachricht auch nicht verwunderlich, dass ehemalige Bandkollegen und das Who-is-Who der Alternative Rock Szene angefangen von Dave Navarro, Perry Farrell, Nirvana, Billy Corgan, der ihn als letzte große Stimme seiner Generation huldigte, bis hin zu Life of Agony (Mina mit ähnlicher Vokal- und Frontmann-Präsenz) ihrem Kollegen Tribut zollten. Was nach vier Wochen ebenfalls auffällt ist die riesige Anteilnahme in Fankreisen. Zu Lebzeiten noch als lebende Leiche verschrien, die nicht mehr aktuell ist, erhält Weiland nun die Genugtuung, dass er Großes geschaffen hat – so groß, dass es alle Zeiten überdauern wird. Es ist schon schwierig genug ein Video von den Pilots zu finden unter dem es nicht um Weilands Tod geht. Ähnlich war es ja auch bei seinen Leidesgenossen Staley, Hoon, Cobain, Wood und wie sie noch alle heißen. Bleiben wirklich nur noch Vedder und Cornell.

Stone Temple Pilots Tribute – „Atlanta“

Auch das zuletzt veröffentliche Tonmaterial seiner letzten Tage lässt sich sehen: da wäre sein Soloalbum „Blaster“ (2015) und das Art of Anarchy Album, dass sehr metallisch klingt (zusammen mit G’n’R Bumblefood und Disturbed Bassist Moyer), jedoch durchsetzt mit der unverkennbaren Stimme Weilands. Nehmen wir den Track „Death of It“ in dem er ironischerweise singt: „Feels like it left me, I’m standing here alone, I’m buried, I’m fading left in the cold.“ Komischerweise sah er sich hier explizit nur als Session-Musiker, der sich aber auch so ungewollt in den Vordergrund drängte.

Auf „Blaster“ hingegen hatte sich Weiland noch ein letztes Mal gezielt in Szene gesetzt und es ist ein wirklich tolles Rock Album geworden, unterstützt durch großartige Mitmusiker wie u.a. Joey Castillo (ehemals QOTSA) und auch Urpumpkin James Iha. Allein der 60s Swinger „Beach Pop“, „Parachute“ und „Blue Eyes“ sind Songs, die einem „Big Bang Baby“ oder einem „Meatplow“ in keinster Weise nachstehen. Lediglich zu einer anderen Zeit sind sie gekommen. Ob noch mehr unveröffentlichtes Material die Bildfläche erreichen wird, bleibt abzuwarten, seine Gefolgschaft hofft es zumindest.

Der trauernde Kommentar eines Fans könnte es passender nicht treffen: „Ich bin eigentlich Gitarrist aber von niemandem habe ich mehr kopiert – von seiner Art, seiner Präsenz und von seiner Kreativität wie Scott Weiland.“ Mit ihm geht einer der letzten großen Rocksänger der letzten Dekade. Ein Performer, eine Rampensau, die in jeder seiner Bands das Zugtier war, ob mit den Pilots oder als wahrer Lederrocker mit Velvet Revoler – die G’n’R Reunion von mir leider nur als Nichtigkeit gesehen – oder auch auf Solopfaden, soweit.


Jedem nicht STP-Fan möchte ich dann noch eine kleine Liste der besten Weiland Platten an’s Herz legen, die jeder Musikfan in- und auswendig kennen sollte:

– „Tiny Music“ (1996) – 60’s meets Noise, darunter Perlen wie „Adhesive“ oder „Seven Caged Tigers“ und der Überhit „Trippin’ on a Hole in a Paper Heart“

– „Purple“ (1994) – die ideale Platte aus hartem Rock und zarten Melodien – „Vasoline“, „Lounge Fly“ und „Silvergun Superman“

– „Core“ (1992) – Hard Rock und Metal-lastig

– „No. 4“ (1999) – softer und auf Songwriting fokussiert mit den Überhits „Sour Girl“ und „Atlanta“

– „12 Bar Blues“ (1998) – wie kreativ und speziell es werden kann im Gehirn Weilands zeigen Songs wie „About Nothing“ oder „Desperation #5“. Auf der andern Seite die Songwriting Perlen „Barbarella“ und das verträumt, weinerliche „Son“.


Auf dass es 2016 und in Zukunft auch weitere Künstler vom Schlage Weilands, Bowies und Lemmys geben wird, die es ins Rampenlicht schaffen und über deren Ableben wir in nicht absehbarer Zukunft trauern werden. Lang lebe Scott Weiland und die Stone Temple Pilots! Nun ist er doch noch viel zu früh eine Legende geworden!

Links:
STP – Tumble In The Rough
STP – Big Bang Baby
STP – Sour Girl

Scott Weiland – Barbarella
Scott Weiland – I’ll Be Home For Christmas

Art of Anarchy – Death of It

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