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Neben Postrock im weitesten Sinne und düsteren, stimmungsvollen Ambient hat man bei Denovali wohl ein Faible für Klaviermusik neuester Prägung. Neben Carlos Cipas Release und dem Piano-Thursday beim diesjährigen Essener Swingfest Anfang Oktober ist die Veröffentlichung von Sebastian Planos neuem Album ein weiterer Hinweis darauf.

Neoklassik ist wohl der Begriff, mit dem man Sebastian Planos Musik am ehesten kategorisieren kann. Um das Ganze aber von der gleichnamigen Stilrichtung aus dem Industrial abgrenzen zu können, für die alte Laibach und Autopsia Aufnahmen mit ihrem pompösen, orchestralen Stil prägend war, wäre der passendere Ausdruck wohl Neokammermusik. Orchestral ist hier nichts, hier geht es viel mehr darum, der klassischen Kammermusik neues Leben einzuhauchen. Folgerichtig ergänzt Plano seine hauptsächlich aus Cello und Klavier bestehenden Kompositionen mit Einsprengseln elektronischer Musik und Bandoneon. So werden hier viele prägende musikalische Einflüsse seines Lebens schon in der Instrumentierung manifest. Das typische Tangoinstrument Bandoneon spiegelt seine argentinische Heimat wieder. Das Aufwachsen in einer Musikerfamilie und seine Ausbildung zum Musiker werden durch sein Hauptinstrument Cello und das Klavier wiedergegeben und das urbane Großstadtfeeling seiner Wahlheimat Berlin wird durch die elektronischen Elemente symbolisiert.

Beim Cello fühlt er sich zuhause. Das merkt man gleich zu Anfang, wenn beim Titelstück eine traurige Melodie auf dem Cello ertönt, die von einigen Samples unterlegt wird. Wie auch im weiteren Verlauf der Platte wirkt hier sehr angenehm, daß sich die Elektronik nie in den Vordergrund spielt, sondern lediglich dramaturgisch ergänzende Farbtupfer bildet, die im Gesamtsound kaum auffallen, vor allem weil es sich auch häufig um bearbeitete Samples seiner akustischen Instrumente handelt. Dann setzt auch gleich ein Klavier ein und kurz darauf wird es sehr leise. Die Stille wird durchbrochen von einer Melodie, wie sie genauso gut von Sigur Rós sein könnte. Abwechslungsreich und in den Celloparts auch stimmungsvoll geht es hier zur Sache. Ein Plus gegenüber seinem Labelkollegen Cipa, dessen ewiges (mit Verlaub) Geklimper schon nerven kann.

Überhaupt hat man bei allen Stücken immer wieder Assoziationen zu anderen Künstlern. Angefangen von den bereits erwähnten Sigur Rós und Carlos Cipa, über das Kronos Quartet (bekannt von Soundtracks wie The Fountain und Requiem for a Dream), Clint Mansell, Yann Tiersen (Amelie-Soundtrack) bis zu Arvo Pärt. Bedauerlicherweise klingt das Klavier am Anfang von „The World we live in“ sehr nach dem unsäglichen „Nocturne Op. 9 No. 2“ des Klimperkönigs Chopin. Generell erscheinen einem sowieso die Parts mit Streichern wesentlich authentischer als die doch meist sehr bemüht wirkenden Klavierparts. Wirkt ersteres immer warm und so, als ob die Melodien von ganz tief innen kämen, wirkt letzteres dann doch eher bemüht und die Melancholie irgendwie aufgesetzt. „Schuster bleib bei deinem Leisten“ fällt einem da manchmal ein.

Seine größten Momente hat das Album zum Ende hin, wenn All Given To Machinery das Zweigestirn aus Inside Eyes und dem Bonustrack Outside Eyes einleitet. Da sinniert ein Bandoneon mit einer todtraurigen tangoähnlichen Melodie über (Rückwärts-?)Loops und Samples, dazu gesellt sich ein melancholisches Cello, es schichtet sich auf und mündet in eine Art Wall of Sound in minimalistischer, leiser Form. Das Cello reist die Mauer mit einer Art Absturz ein und es herrscht für einen kurzen Moment beinahe Stille. Die Stille nach einer großen Katastrophe, wo selbst die Vögel aufhören zu zwitschern.

Hätte die Platte mehr solcher Momente, ich wäre Fan. So wirkt vieles zu konstruiert, um richtig bewegen zu können. Eine schlechte Platte ist das sicher nicht, aber wird sie doch eher Spezialisten vorbehalten bleiben, die eine Menge interessanter musikalischer Konstruktionen finden werden, als daß sie sich dem geneigten Zuhörer gegenüber mit übergroßer Emotionalität öffnet. Schade drum.

01. Impetus
02. The World We Live In
03. Blue Loving Serotonin
04. In Between Worlds II
05. Emotions (Part II)
06. Angels
07. All Given To Machinery
08. Inside Eyes
09. Outside Eyes (Bonus, nur CD und digital)
10. One Story of Thoughts (Bonus, nur digital)

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