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Wellen aus Klang, die Bilder von Wirbelstürmen und rauschenden Wassermassen erzeugen. Schiffe gleiten rauschend über die versunkenen Wracks von ehemaligen Mitstreitern hinweg und setzen ihren Weg in Richtung Horizont fort.

Shipwrecks, ist das die neue Hoffnung für frischen Post-rock? 2014 hat man sich in Köln zusammengefunden und konzentriert am eigenen Sound geschraubt, mit dem Ziel, eine Debüt-EP zu kreieren. Schon die Verpackung der Scheibe erfreut das Auge und macht neugierig. Ein Video verrät die Entstehung des Used Looks, in dem der Pappschuber auftritt. Alles in aufwändiger Handarbeit gemacht. Ziemlich cool ist, dass dadurch jedes Exemplar sein individuelles Aussehen erhält. Auch die Musikproduktion ist in Eigenarbeit geschehen, wobei Magnus Lindberg (Cult of Luna) für das Mastering verantwortlich zeichnet.

Gleich nach den ersten Tönen ist klar, dass hier viel Liebe zum Detail und akribische Arbeit hineingesteckt wurde. Mit Telescope machen die Rheinländer sich auf zu fernen Ufern und stoßen die Tür zur schillernden Klangwelt auf, die sich auf Shipwrecks verbirgt.

Sie finden ihren Sound zwischen etablierten Größen im Post-rock, ohne sich dabei allzu weit von bereits bekannten Pfaden zu entfernen. Für ein Debüt sehr bemerkenswert und stark: Das Songwriting bleibt durchgehend auf einem äußerst hohen Niveau. 3 Stücke, alle hochwertig und schlüssig komponiert. Auch die Produktion lässt keine Wünsche offen, das Instrumentarium klingt kraftvoll und fragil zugleich, wie aus einem Guss. Shipwrecks müssen einen Vergleich mit den Großen des Genres nicht scheuen. Im Idealfall bietet ja auch ein vergleichsweise kurzes Medium wie eine EP einen Spannungsbogen, der einen stets wissen lassen möchte, was im nächsten Track steckt. Das ist hier der Fall: Akustisches Kino, zum Träumen und darin versinken.

Die Musiker spinnen oft raumgreifende Melodien über weite Flächen aus Harmonien, die durch den transparenten Gitarrenklang manchmal fast wie aus Glas erscheinen. Das klingt nicht selten pathetisch, aber mal ehrlich – wo wäre Post-rock ohne Pathos? Anzumerken ist höchstens, dass sich Shipwrecks vielleicht eine Nuance zu häufig in die ganz großen Weiten und Gefühle versteigen. Diese kämen womöglich noch besser zur Geltung, setzte man ihnen noch ein oder zwei leisere, verhaltene Parts gegenüber. In einem Genre wie Post-rock, in dem die Künstler sich gefühlt an sphärischen, hallenden Sounds gegenseitig zu überbieten suchen, steckt manchmal vielleicht in der Reduktion die Innovation. Insgesamt finden Shipwrecks auf ihrer ersten Veröffentlichung aber dann doch ein recht ausgewogenes Verhältnis zwischen sanfter Ruhe und aufbrausendem, wirbelndem Sturm.

Gegen Ende wartet die EP noch mit einigen erfrischenden, unverbrauchten Sounds auf; hier werden beispielsweise Bläser und zusätzliche Trommeln eingesetzt. Diese scheinen durch das neblige Soundgewand der Schiffwracks zu schneiden, nur, um dann doch im Dunkel zu verhallen. Im leicht dramatischen Aufwind schließlich klingt El Rumpelstilzo aus. Die insgesamt vierundzwanzigeinhalb Minuten Musik rauschen am Hörer vorbei wie ein reißender Strom, der sich unaufhaltsam seinen Weg bahnt. Hier ist kein Ton überflüssig, zugleich vermisst man nichts. Ein kleines Kunstwerk, das in seinem Inhalt und seiner Ausformung schlüssig und sinnvoll wirkt.

Auf ihrer ersten, selbstbetitelten EP zeigen Shipwrecks, wozu sie im Stande sind. So ein Debüt verdient Anerkennung, die der jungen Band hoffentlich zu Teil wird. Man darf gespannt sein, was in Zukunft von Shipwrecks zu vernehmen ist. Die neue Hoffnung für frischen Post-rock? Nun, da sollte man ihnen vielleicht noch etwas mehr Zeit geben. Eine tolle Bereicherung für den deutschen Post-rock? Definitiv!

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