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Heute ist es nun so weit – das nächste Werk von Sigur Rós steht offiziell in den Läden. Die Wartezeit war kurz – doch will gut Ding wirklich zwingend Weile haben?

kveikur_pshot_no_textart2Kveikur (2013)

Na. Das ging schnell. Kein Jahr nach Valtari erscheint nun der Nachfolger Kveikur, gefolgt direkt von einer weiteren Tour. Immerhin neun Stücke hat man in der Zwischenzeit produziert, von denen die bereits vorab veröffentlichten zeigen: Sigur Rós haben die Lust an sich selbst nicht verloren. Nach Valtari, das fast ausschließlich leise Ambientklänge und größtenteils minimale Instrumentalisierung bot, zeigt sich die Band (bis auf den ausgestiegenen Multiinstrumentalisten Kjartan) jetzt wieder in ihrer Gänze und macht in dieser Form auch von sich hören.

Kveikur also heißt das neue Werk. Dem Vernehmen nach ist das Wort ‚Kveikur‘ isländisch für ‚Kerzendocht‘. Halten wir uns vor allem anderen doch mal ein wenig an der dadurch transportierten Metaphorik auf:

Der Kerzendocht – Ein Licht im Dunkel? Nun, nach Valtari ist Kveikur insgesamt definitiv ein Lichtblick. Nicht, dass Ambient per se schlecht wäre – aber Valtari war stellenweise nicht nur maximale (und teils schon nervige) Langweiligkeit, sondern eben und vor allem einfach nicht Sigur Rós. Jedes definierende Merkmal der letzten Jahre war abwesend, sieht man eben ab von den durchaus auch früher vorhandenen Ambientpassagen. Aber das reicht eben nicht, genau so wenig, wie ein Album reichen würde, auf dem als einziges Element ein Cellobogen über Gitarrensaiten streicht. Bei den ersten Tönen von Kveikur wird aber klar: Das ist – sigurrósseidank – vorbei. Brennisteinn hat in den ersten 30 Sekunden schon mehr Action als ganz Valtari. Das ist gut so.

Der Kerzendocht – Etwas, das langsam, aber sicher abbrennt? Neben der plakativen Metapher für das Leben als finite Zeitspanne ist diese Lesart eventuell auch eine Aussage über die Band selbst: Sehen sich Sigur Rós am Ende ihres Leuchtens angekommen? Die Verfallserscheinungen, die man nach Með suð í eyrum við spilum endalaust und diversen Solo- und Pausenplänen und daraus resultierenden Trennungsgerüchten, vor allem aber nach Valtari als energieloses Werk und dem Austritt Kjartans definitiv aufzeigen könnte, manifestieren sich auf Kveikur zumindest nicht allzu offensichtlich. Ja, die Songs sind anders, eher world-music- oder pop-orientiert denn ausserweltlich, aber definitiv Sigur Rós, auf einer massenkompatibleren Ebene vielleicht. Brennisteinn, als Paradebeispiel und erste Single, zeigt das ganz konkret: Standardsongstrukturen der Form Verse, Bridge, Chorus, Verse, Bridge, Chorus werden vorbildlich durchexerziert, dafür sind Sound und Instrumentalisierung nicht weniger typisch, düster, wuchtig, sphärisch. Der offensichtliche, aber subtile Stilwechsel mag mit dem Weggang Kjartans zusammenhängen, zeichnete der sich doch für viele Passagen und Instrumente verantwortlich, kann aber genau so gut simple Weiterentwicklung einer Band sein. Með suð í eyrum við spilum endalaust klingt schließlich auch anders als seine Vorgänger. Im Gegensatz zu diesem Album ist man auf Kveikur aber wieder düster und kalt. Das ist nun auch nicht schlecht.

Lassen wir den Kerzendocht also mal schnell ein wenig runterbrennen. Über Brennisteinn ist an sich schon genug gesagt. Ein ordentlicher, wuchtiger Song mit einem irgendwie sehr catchigen Refrain. Erneut: Keine Panik, das muss nicht schlecht sein. Man ist ja nicht dredg, wo der catchige Refrain von Thought Of Losing You einerseits den Tiefpunkt des gesamten schöpferischen Werkes der Band markiert, andererseits aber auch den musikalischen Höhepunkt des grauenhaften Albums Chuckles & Mr Squeezy darstellt. Hrafntinna, der zweite Song, kann sich irgendwie nicht zwischen Melodie und dissonantem Geklimper entscheiden, ohne sonst irgendwas zu transportieren. Vielleicht braucht das noch mehr Anläufe, um klarzustellen, was da los ist. Ísjaki, die Nummer drei, schlägt mit weniger Wucht in die gleiche Kerbe wie Brennisteinn – catchiger Ohrwurmrefrain. Aber irgendwie… diese Streicher oder was das sein soll. Könnte man sich dran gewöhnen, könnte aber auch nerven. Yfirborð schließt sich klanglich an Valtari an – viel passiert hier nicht; als netter, stimmungsaufbauender, reprisenhafter Füller auf dem Album ist der Vierminüter aber in Ordnung. Das darauffolgende Stück Stormur stapelt danach zwar ein wenig tief, ist aber im allgemeinen in Ordnung. Kveikur, auf Platz sechs der Titeltrack, ist vermutlich eins dieser Stücke, die vor allem Live ihre Magie entfesseln könnten. Steril (seltsamerweise, für Sigur Rós) aus Boxen tönend entfaltet er seine Wirkung zwar schon sehr gut und hat in seiner ganzen, für die Isländer neue und scheinbar ihnen wohlgefallende Verknarztheit doch etwas eigentümlich Schönes. Hier lässt sich großes vermuten. Rafstraumur dagegen klingt ein wenig zu beliebig, zu Fröhlich-Alternative-World-Folk-Musik-für-Windows-oder-so-Werbespots (nicht, dass es das nicht schon gegeben hätte), ist per se aber nicht schlecht. Bláþráður schlägt eine ähnliche Richtung ein, viel ist da nicht zu sagen. Das letzte Stück, Var, ist erneut ein entspanntes, ambienteskes Outro.

So. Klingt alles erstmal eher so semipositiv. Hätte man sich also mehr Zeit lassen sollen? Das gesteigerte Releasetempo lässt sich zumindest leicht erklären: Das 2012 erschienene Valtari scheint aus Überbleibseln eines bereits 2010 konzipierten, dann aber auf isländisches Eis gelegten Albums zu bestehen, die dem Anschein und Anklang nach mehr oder minder halbherzig fertiggestellt, veröffentlicht wurden. Kveikur wirkt definitiv weniger unfertig, weniger halbherzig. Der ganz große Wurf ist es allerdings auch nicht, das Album kränkelt stellenweise. Insgesamt wirkt alles ein wenig hektisch, weniger distanziert als einstmals, als hätte man zu viel Kaffee getrunken und sich dann entschieden, den fehlenden vierten Mann durch eine Menge mehr zittriger, falscher Energie auszugleichen. Die großartigen Melodien und Songstrukturen, die einen auf Ágætys Byrjun, aber auch auf allen anderen Alben (auch Valtari, denn Varuð kann ja doch was) selbst vom heimischen Laptop oder in der Bahn nach sonstwohin schickten, fehlen da definitiv. Und irgendwas klimpert da immer so nervig im Hintergrund. Soll wohl Percussion sein, ist aber irgendwie unangenehm. Und: Irgendwas klingt auf dem Album andauernd nach ESC. Keine Ahnung woran das liegt.

Trotz aller Kritik: Man ist wieder auf dem richtigen Weg, die einzelnen Stücke haben definitiv das Potenzial, nicht vergessen zu werden. Aber gut – Kveikur tritt ein ohnehin schweres Erbe an, Jónsi, Goggi und Orri haben ordentlich vorgelegt. Die goliathschen Fußstapfen von Ágætys Byrjun und ( ) zu füllen gelang im letzten Jahrzehnt trotz großartiger Versuche in Form von Takk… sowieso nicht. Songs wie Brennisteinn und Kveikur stehen einigen anderen ‚Klassikern‘ der Isländer jedenfalls in nicht vielem nach. Das lässt vor allem auf die nächsten Veröffentlichungen aus dem Hause Sigur Rós hoffen. Kveikur ist jedenfalls ein nicht passabler, sondern guter Lückenfüller und stellt zumindest Valtari definitiv und vielleicht auch, je nach Präferenz, Með suð í eyrum við spilum endalaust (wäre da nicht Festival…) in den Schatten.

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Volker Dickerhoff
Mitglied

Lieber Robin!
Deine Retrospektive über das bisherige Werk von Sigur Ros ist beeindruckend und zeigt dich gleichermaßen als leidenschaftlichen Fan, wie auch als distanzierten Kritiker. Es war ein Vergnügen noch einmal alle Alben der Isländer zu durchleben. Danke!!!!!!!!!

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