Spinnup_DuWillst

Paul Abbrecht hat ein unglaubliches Talent für Melodien und Arrangements, man sollte ihn wahrscheinlich öfters in Ruhe in seinem Zimmer schreiben lassen.

Vö: 09.06.2018 Treibender Teppich Records iTunes LP kaufen

Die Sitzgruppe ist mit petrolfarbenem Cord bezogen, der Schrank mit dunklem Tropenholz-Funier. Ich blicke an mir herab, braune Lederstiefel, Hose aus Wolle, Rollkragen und eine dicke Hornbrille rahmt mein Sichtfeld ein. Auf dem Couchtisch steht ein Aschenbecher aus billigem Pressglas und verpestet die Luft mit schal gewordenem Zigarettenqualm, während die ersten Sonnenstrahlen sich erst durch die Nylonvorhänge kämpfen, dann durch den Dunst und sich schließlich an den Kanten des Aschenbechers brechen. Jemand legt eine Platte auf, die Nadel kratzt. Gedämpfte Akkorde erklingen, dazu ein satter Beat. Eigentlich will ich mich nicht mehr bewegen, aber dieser knurrende Bass … ich wippe mit dem Kopf. Ganz entfernt wabert eine Gitarre, ich verliere mich in dem Kaleidoskop dieser Klänge, bis ich von zwei jazzy Trompeten wieder aufgeweckt werde. Was da klingt wie der After-Hour-Soundtrack einer Funk-Party in den Siebzigern ist 2018 der Beginn von Sloe Paul – Paul Abbrecht‘s Album.

Wer war Sloe Paul doch gleich?

Seit Jahren brodelt im Stuttgarter Kessel eine alternative Punk-Szene, die eine willkommene Abwechslung zu den gelangweilten Berliner Kollegen bietet. Hier hat der Multiinstrumentalist Paul Abrecht Jahrelang sein Unwesen getrieben, als Live-Mitglied von Die Selektion etwa, oder mit Tristan Reverb – von niemand geringerem als Ralv Milberg produziert. Er stand zwar nie in der allerersten Reihe, und auch in den großen Musikzeitschriften war sein Name noch nicht zu lesen, doch im Hintergrund, überall im Myzel verteilt, findet man seine Handschrift. Stuttgart ist klein, war es also nur eine Frage der Zeit, bis sich Paul Abbrecht aus diesem Band-Inzest erheben würde?

Ein klares Nein ist die Antwort. Müde, verkatert beginnt dieses Debut mit dem Song „Hung“, und müde und verkatert wirkt auch der Paul – müde von den Parties, genervt von dem zerstückelten Dada, dem schreien, dem ständigen ballern. Protest durch Pop.

Anything will work out, is working out.

Der zweite Titel auf der Platte, Tough Elastics, hat ebenfalls ein getragenes Tempo, die alten Synthesizer wabern sogar noch mehr. Ich fühle mich an die ersten Platten von Bands wie MGMT und Tame Impala erinnert – weniger jedoch wegen des Klanges an sich, sondern vielmehr wegen der komplexen, aber beinahe ultimativen Harmonie, mit der diese Gruppen musizieren. Die Analogie bröselt jedoch, denn Sloe Paul ist nur live eine Band. Das Album hat Paul Abbrecht komplett alleine in seinem Zimmer eingespielt, sich die Instrumente unterwegs selbst beigebracht. Ist das große Ziel also absolute Harmonie – mit sich selbst?

Hören wir weiter. „Long Time“ ist für mich einer der Hits des Albums, das Songwriting ist hier dichter, das Lied hat eine konkretere Richtung und ist trotz seiner fast fünf Minuten unglaublich kurzweilig. Abgelöst wird es von Movies, einer mehrstimmigen Ballade mit Casio-Beat (DaDaDa). Ist das jetzt eine Reminiszenz an die LoFi Helfen der 90er? Liebe zu dritt, drüben auf dem Hügel?

Ich habe mich noch nicht entschieden, da läuft die Nadel schon ins Leere.

Seite B.
B für Beatles?

Paul Abbrecht hat ein unglaubliches Talent für Melodien und Arrangements, man sollte ihn wahrscheinlich öfters in Ruhe in seinem Zimmer schreiben lassen. Super Sick S_O ist wie der Blick in den Rückspiegel, in dem ein paar hartnäckige Pollen Flower Power verbreiten.

Dann reisen wir jedoch weiter, komplett synthetisch, und landen an der amerikanischen Westküste, Bay Area. Wir sind wieder bei dem Sound vom Anfang der Platte angelangt. Dieses mal jedoch in DeLuxe, mit Chrom und allem. Drei, vier, fünf Schichten Rasseln, Schnipsen, Klatschen über den Drums, verzerrte Stimmer; um es mit den Worten von Leonard Bernstein zu sagen:

I can‘t get over how FUNKY that music is!

Der Einfluss von Musikern wie Thundercat, Flying Lotus oder auch R. Stevie Moore ist kaum zu überhören. Das ist nicht weiter schlimm, denn so langsam habe ich es verstanden:

Auch Sloe Paul ist Punk. Paul macht was er will, wo er schon richtig lange Bock drauf hat. Und wenn das nunmal bedeutet, Liebeslieder zu schreiben, Popmusik zu machen, dann ist das ja auch irgendwie Protest gegen den um sich selbst rotierenden Post-Punk. Da Max Rieger gemastert hat, bleibt man sich ja auch irgendwie treu. Und einen weiteren Vorteil hat das ganze noch: während alles, was bisher so aus dem Kessel geschwappt ist, nur für totale Nischen geeignet war oder versucht, den deutschen Schlager neu erfindet, klingt Sloe Paul groß. Größer als Stuttgart. Kosmopolitisch groß.

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