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Sonntagskolumne – Die mieseste Kredithaibande der Stadt


Rasend kommt der Frühling, die Krokusse, Maiglöckchen und dies und das. In mir blüht jetzt insbesondere das alte Urverlangen nach neuem Input, ganz gleich, was genau das dann ist. Jetzt gerade jedenfalls kommen ein paar neue Veröffentlichungen, die den Inputraum füllen, zu aller erst die Neue (nunja, neu, VÖ war 10.2.) von den Sternen: „Mach’s besser“ mit kollegialen Neuinterpretationen all der bekannten Hits. Mein Favorit da Stereo Total mit „ wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“, alles schön nach ollem Kleinkneipendunst klingend: schön rau und low und sehr liebenswürdig gesungen.

Nach Sterneliedern oft dieses Gefühl, jedes Mal Treffen mit Frank Spilker großzügig verkackt zu haben, entweder als betrunkener Pickeljugendlicher auf dem Melt! 2009 (drei Sätze, dreimal Standartantwort) dann mies bezahlter, unmotivierter Frank im Druckluft Oberhausen und schliesslich Horrorkabarett in Leipzig (Frank arg verkatert, schlimme Fragen. Dafür kaum noch Pickel, also ich jetzt). Frank Spilker treffen muss vermutlich so ganz ohne Anlass passieren, man begegnet sich einfach und die Situation ist als Ausgangslage für ein sinniges Gespräch angemessen, jedenfalls nicht auf Zwang und schon garnicht vor oder nach einem Konzert/Lesung/Pressezelttermin. Treffenderweise irgendwo an der Lebenskreuzung zwischen halbwegs ausgereiftem Autor und tiefenentspannten, weil endlich angemessen bezahltem Spilker. (Grundeinkommen!)

Überhaupt kam ich im letzten Jahr in verschiedenen, unterschiedlich ernst (und unterschieldich spät in der Nacht) geführten Gesprächen immer wieder an so einen Punkt, an dem man die wenigen, wichtigen Akteure der Stadt identifiziert hatte und sich wünschte, deren zunehmend prekären Lebensstil mit einem Bundesfreiwilligendienst für Szenedenkmäler zu verbessern, quasi eine Assistenzstelle, die die unnötigen, weil vom wirklich wichtigen Schaffen ablenkenden Tätigkeiten wie Amtsgänge, PR, Social Media und dergleichen übernehmen und so den zum Denkmal gereiften Szenetypus an sich und seinem Oeuvre arbeiten zu lassen, ganz in Ruhe und ein wenig abgeschirmt vom öden Normalen dann quasi den „Katalog ordnen“ oder so. Bitte nicht als ageshaming oder dergleichen missverstehen, hier geht es ausschließlich um die Ehrerbietung einem Künstler / einer Künstlerin gegenüber, nur in Form jenes Luxus, der sonst Mainstreamkünstlern zur Verfügung steht, nach jahrzehntelangem sich verbiegen gegenüber Quote und Nachfrage oder der one in a billion Chance, auch als ehrlicher Poet ausgesprochen gut über die Runden zu kommen. Die Rede ist hier weniger von Frank Spilker, der hoffentlich rechtzeitig in die KSK reingerutscht ist und ja doch immer noch ordentlich rumkommt. Ich denke da eher an jemanden wie Kiev Stingl, dessen Werkschau gerade als Dokumentarfilm vorbereitet wird und dem ganz sicher ein Bundeskultfreiwilliger hilfreich wäre. Die Stellen wären darüber hinaus ziemlich sicher immer besetzt mit hochmotivierten Freiwilligen, die für monatlich 400€ Salär filterlose Kippen holen müssten und beim Verlag anrufen würden, ob man denn eventuell nochmal einen Vorschuss für irgendein versprochenes, sehr wichtiges und großartiges Buch bekommen könnte. So ein wenig lebt das bereits jemand, der das Wort prekär bestens auszufüllen weiß: der schrecklich schreckliche Hermes Phettberg sitzt schon eine ganze Weile krankheitsbedingt herum und wird von freiwilligen jungen Kerls gepflegt und gehegt, jedenfalls bleibt so ein wenig mehr Raum fürs Schreiben. Die Ausbildung zum Denkmalpfleger_Popkultur klingt recht spannend und wäre quasi der passende Lehrberuf für städtische Sachverständige, die dann schützenswerte „Originale“ recherchieren und über Vorschläge aus der Bevölkerung entscheiden, wer denn nun schützenswert ist und wer nur schwerer Alkoholiker mit großem Freundeskreis.


Zum Schluss noch drei Videos im Tenor des zuvor Gelesenen, viel Spaß dabei.

Gerald Polt: Der Bohemien

Keine Musik, aber lustvoll und arg zeitgemäß.

Kiev Stingl: Babies (1979)

Kiev (sprich: Keith) Stingls „Babies“ von der zensierten „Hart wie Mozart“ Spiegelcover-Platte. Geilo.

Hermes Phettberg ’95

Abgefahrenes 90er-Fernsehen ala Viva 2, Zakk; Schlingensief.

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