Vinyl immer portofrei bei jpc.de

Der Zeitpunkt für ein Gespräch mit Hannes Wittmer, a.k.a Spaceman Spiff ist im Grunde schlecht gewählt. Seine letzte Platte „Endlich nichts“ hat schon beinahe ein Jahr auf dem Buckel. Es ist das dritte Album, das dieser junge Mann seit 2010 in die Welt geschickt hat und es ist nicht schwer zu erahnen, dass sich in vier Jahren das ein oder andere verändern kann. Es ging schlussendlich doch zu einem großen Indie-Label, die Touren werden nicht mehr nur mit Gitarre und persönlichem Sack und Pack bestritten, sondern auch mit Mitmusikern. Es ist also wohl weniger nach der Aktualität von „Endlich nichts“ zu fragen, als viel eher nach der vergangenen Zeit und der Entwicklung, die Spaceman Spiff gemacht hat. Hannes Wittmer spricht über Fernweh, Pathos und die gute alte Musikindustrie.

PiN: „Endlich nichts“ ist inzwischen fast ein Jahr alt. Wie blickst du im Nachhinein auf deine Platte?

Hannes: Es ist bei jedem meiner Alben so, dass ich später sage, dass ich das aus der jetzigen Position etwas anders machen würde. Das Schöne an einer Platte ist ja aber auch, dass es eine Momentaufnahme ist. Ein Tagebuch schreibt man ja auch nicht im Nachhinein. Aber bei dieser Platte würde ich bis auf ein paar wirkliche Kleinigkeiten alles haargenau so machen. Ich hab sie vor kurzem nochmal mit einem Kumpel durchgehört und für gut befunden.

PiN: Wenn du es Momentaufnahme nennst, ist es dann tatsächlich nur ein sehr kurzer Zeitraum, in dem ein Album von dir entsteht?

Abschnittsaufnahme ist vielleicht der bessere Begriff. Die Songs sind schon so innerhalb von zwei Jahren entstanden. Das war eine gewisse Lebensphase, in der ich mich befunden habe und in der mich gewisse Sachen bewegt haben. Alles auf der Platte geht in die Richtung.

PiN: Du hast in einem älteren Interview mal gesagt, dass du es gut findest, dass deine Sachen bei einem Buchverlag rauskommen und nicht bei einem großen Label, weil dir die ganze Musikindustrie eher gruselig erscheint. Wie ist es jetzt für dich, beim Grand Hotel van Cleef zu sein?

Das Schöne ist, dass ich tatsächlich meine alte Heimat mit in meine neue nehmen konnte. Meine Kumpels vom Mairisch Verlag haben die Platte co-mäßig mit rausgebracht. Nach wie vor beschäftige ich mich kritisch mit der Musikindustrie. Vieles fängt da im Kleinen an, was man im Großen nicht toll findet. Dazu gibt es ein fantastisches Buch von Berthold Seliger: „Das Geschäft mit der Musik“. Da erklärt er was eigentlich passiert ist, seit der erste Typ auf den Trichter gekommen ist, mit Musik und Künstlern Geld zu verdienen. Das ist sehr spannend. Es ist einfach so, dass du Hilfe brauchst, wenn du eine gewisse Größenordnung erreichst. Dadurch, dass ich die Platte mit Band gemacht hab und auch mit Band getourt habe, ist das Ganze noch sehr viel aufwendiger. Es war klar, dass da gewisse Strukturen und Erfahrungen fehlen. Ich war auf der Suche nach einem Label, hab dabei aber tatsächlich nur das Grand Hotel angeschrieben, weil ich das Gefühl hatte, dass es da trotz allem sehr familiär zugeht. Und die erste Kettcar-Platte hab ich damals rauf und runter gehört.

PiN: Du sprachst gerade schon an, dass du inzwischen mit Band unterwegs bist. Ist Spaceman Spiff offiziell inzwischen eine Band, oder bist das immer noch du?

Es ist immer noch so, dass ich die ganzen Lieder und Texte schreibe, meine Demos mache und weiß, in welche Richtung ich gehen möchte. Es ist ein zusätzliches Kollektiv an Leuten, das ich mitnehmen kann. Es ist gut, dass ich je nachdem, wo ich eingeladen bin, mal solo spielen kann oder mal im Duo oder auch mit voller Band. Letztendlich ist Spaceman Spiff immer noch ich. Ganz viele Leute haben aber Anteil daran, zum Beispiel die Mairisch Leute oder auch die Denise, die meine ganzen Artworks macht.

PiN: Beim Songwriting haben diese Menschen dann also nichts zu melden?

Beim Schreiben nicht, wir arrangieren aber zusammen im Studio. Das ist total verschieden. Manchmal habe ich schon eine ziemlich genaue Vorstellung. „Mind the Gap“ zum Beispiel habe ich schon vorproduziert und dafür zu Hause Sounds aufgenommen. „Nichtgeschwindigkeit“ war auch so mein Baby, da wollte ich unbedingt diese Streicher. Es gab aber auch Lieder, bei denen ich vorher nur grob die Gitarren hatte und dann passiert im Studio was völlig anderes, weil Johnny ein Beat einfällt oder Felix eine Bass- oder Klavierlinie spielt. Das Großartige ist, dass meine Mitmusiker meine Kunst mit ihrer Kunst anreichern und da ein Mehrwert entsteht.

PiN: Ich empfinde „Endlich nichts“ als etwas detailverliebter. Hast du dir für Verzierungen und dergleichen mehr Zeit eingeräumt?

Es war glaube ich weniger die Zeit. Bei „… und im Fenster immer noch Wetter“ haben wir auch viel rumprobiert, aber eher im Kleinen. Inzwischen sind wir glaube ich etwas gewachsen, was solche Klänge betrifft. Johnny, Felix und ich haben die Platte zusammen eingespielt. Johnny macht das jetzt schon länger beruflich, Felix ist das Schweizer Taschenmesser der Indie-Szene und ich hab zwischendurch so Filmmusik und Theater Geschichten gemacht und mich da in andere Klangwelten rein gedacht. Es gibt immer wieder Songwriter-Platten, bei denen jedes Lied gleich klingt und davon wollte ich gern ein bisschen weg.

PiN: Du warst länger in Neuseeland und hast da einige Songs für das Album geschrieben. Macht sich der Umstand, dass du weg warst, bemerkbar?

Das hört sich ein bisschen geschwollen an, aber meine Zeit in Neuseeland war das Ende von diesem Zyklus. Ich war einfach ein bisschen durch, nachdem ich „…und im Fenster immer noch Wetter“ rausgebracht hatte, viel getourt bin und mich viel um mich selbst gedreht hatte. Ich hatte zu der Zeit ein bisschen Zweifel an Spaceman Spiff und daran, wie lange ich das noch mache und deswegen habe ich mich nach Ruhe im Kopf gesehnt. Am Ende hab ich mich für ein halbes Jahr verdrückt. Zwei Drittel der Platte hatte ich zu dem Zeitpunkt schon geschrieben. Die Songs, die in Neuseeland entstanden sind, waren wohl dann eher das i-Tüpfelchen. Ungewollt ist es dadurch, dass mich ein paar Themen zu der Zeit beschäftigt haben, zu einem Konzeptalbum geworden. Neuseeland hat das quasi abgerundet.

PiN: Im Zusammenhang mit deiner Musik spricht man gern von dem Attribut „traurig“. Würdest du das deinen Songs selbst auch zuschreiben?

Ich würde es nicht „traurig“ nennen, sondern eher „nicht fröhlich“. Vor allem nachdenklich, beobachtend, reflektierend und ohne alles zu bewerten. Ich versuche oft, dass da ein Augenzwinkern dabei ist oder ein positiver Ausklang und nicht, dass es mit „Oh Gott, alles ist furchtbar“ aufhört.

PiN: Hörst oder liest du oft Begriffe wie „Pathos“ und „Kitsch“ und stört dich das?

Ich glaube die Leute haben völlig verschiedene Definitionen von diesen Begriffen. Die einen schreiben „Ja, da ist Pathos, aber das ist erlaubt…“ oder es gibt andere, die sagen „ganz ohne Pathos“. In der Zwischenzeit hab ich gelernt, da nicht so genau drauf zu achten und hinzunehmen, dass jeder seine Vorstellung hat. Ich werde auch ständig mit irgendwelchen Künstlern verglichen, die voneinander nicht unterschiedlicher sein könnten. Ich weiß nicht wo Pathos anfängt und wo es aufhört. Kann sein, dass es da ist. Solange das den Leuten gefällt ist das okay so.

PiN: Du liest also nicht so gerne über dich?

Doch, ich finde das sehr spannend. Es gibt immer mal wieder Reviews, die mich dazu bringen, meine eigene Musik anders zu interpretieren oder eine andere Sichtweise zu bekommen. Manchmal ist es natürlich auch ganz furchtbar, weil aus irgendeinem Grund ein einziger negativer Kommentar fünfmal so weh tut, als dass die hundert positiven einen erfreuen. Ich weiß nicht, warum das so ist. Nach einer Zeit kann man das ein oder andere besser einordnen.

PiN: Ich habe aus Songs wie „Mind the Gap“ oder auch „Teesatz“ eine gewisse Großstadtüberdrüssigkeit raus gehört. Musst du einfach in einer Großstadt wie Hamburg leben, weil das wichtig ist, wenn man sich in so einer Szene bewegt?

Das ist eine spannende Frage, weil mich das gerade sehr beschäftigt. Ich bin gerade wieder aus Hamburg weggezogen aus dem Grund, dass ich gerade so viel unterwegs bin, dass es sich nicht lohnt, so eine sauteure Wohnung in Hamburg zu halten. Es hat mir geholfen, dass ich in der Stadt Kontakte knüpfen konnte, aber gerade in Hamburg ist es echt schwierig. Alle möglichen Leute ziehen dahin, weil sie Musik oder Kunst machen wollen. Letztendlich haben sie gar nicht die Möglichkeit dazu, weil sie sich den Arsch abarbeiten müssen, weil die Wohnungen in Hamburg so teuer sind. Und da kommen sie gar nicht zu ihrer eigenen Kunst. Ich hoffe, dass es auch ohne die Großstadt geht. Gerade Hamburg putzt sich gern als die große Künstlerstadt raus und tut letztendlich nichts dafür. Da wird diese bescheuerte Elbphilharmonie hingebaut und die kleinen Clubs machen alle dicht.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.

Lade mehr ähnliche Artikel
Lade mehr von Bianca Hartmann
Lade mehr in Interviews

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte Anmelden um zu kommentieren
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei

Auch Interessant

Dutch Impact auf dem Reeperbahn Festival 2019 – Interview mit YĪN YĪN

Ab dem heutigen Mittwoch, den 18.09.19, öffnen die Hamburger Bars und Clubs auf der Reeper…