Seit nunmehr sechs Jahren bereichert Stella Sommer den drögen deutschen Indiealltag nun schon mit regelmäßigen musikalischen Ergüssen und gibt ihm das, was ihm sonst so gänzlich fehlt: Glanz und Pathos.

Vö: 10.08.2018 Affairs Of The Heart iTunes LP kaufen

Auf dem ersten Album „Herz aus Gold“ ihrer Hauptband Die Heiterkeit wurde dies mit einer der Form nach völlig unglanzvollen Darbietung erreicht. Schlagzeug, Gitarre, Bass und ein paar genölte Zeilen wie „Alle Menschen mögen mich“ reichten aus, um ein erstes provokatives Ausrufezeichen zu setzen. Doch schon auf dem zweiten Album „Monterey“ wurden die Songs länger und komplexer, düsterer und erhabener. Das nicht zu unrecht völlig größenwahnsinnig betitelte Doppelalbum „Pop & Tod 1+2“ stellte dann im Jahr 2016 mit seinen vielschichtigen Songs, die nun mit Gospelchören bis hin zu Feedback-getriebenen Noise-Auswüchsen durchsetzt waren, einen neuen Höhepunkt der Collage musikalischer Ambivalenzen dar.

Auf dem hier vorliegenden ersten Soloalbum nimmt Stella Sommer sich nun diesbezüglich ein wenig zurück. Statt wie zuletzt 20 Songs präsentiert sie ihrem Publikum 13 insgesamt recht zurück genommene und kompakte Songs, auf denen sie ihre ganz eigenen Ansichten zu den Themenkomplexen Glück und Einsamkeit besingt. Statt wie bisher gewohnt in Deutsch, singt sie nun überwiegend auf Englisch. Einzig der Schlusstrack „Hierhin kommt der Teufel“ wurde in deutscher Sprache verfasst. Musikalisch unterstützt wurde sie bei der musikalischen Produktion unter Anderem von ihren Heiterkeit-Kolleg/innen Hanitra Wagner und Philipp Wulf, aufgenommen wurden die Songs vom Messer-Bassisten Pogo McCartney. Auch Tocotronic-Tausendsassa Dirk von Lowtzow kommt die Ehre zuteil, die Platte mit seiner Stimme zu veredeln und liefert sich ein herzzerreißendes Piano-Duett mit Sommer in „Bird of the night“.

Einige Entwicklungen, die sich bereits auf dem letzten Heiterkeit-Album andeuteten, werden hier mit noch größerer Konsequenz verfolgt. So gibt es dieses Mal gleich 3 Stücke, auf denen einzig oder überwiegend ein Piano Sommers Stimme begleitet, wodurch die in der Vergangenheit immer mal wieder gezogenen Vergleiche mit Chanson-Größen wie Marlene Dietrich und Hildegard Knef ein mal mehr an Bedeutung gewinnen. Auch die Gospelelemente, die sich auf dem letzten Heiterkeit-Album bereits in Songs wie „Schlechte Vibes im Universum“ andeuteten, wurden noch weiter in den Vordergrund gestellt. Der sich mantra-artig wiederholende Refrain des erhabenen „Boat on my river“ ist nur ein Beispiel davon.
Wie von Sommer gewohnt besingt sie zumeist einen popmusik-typischen Dualismus bestehend aus „You & Me“. Sie umschmeichelt ihr Gegenüber, schmiert ihm Honig um den Mund und lässt am Ende doch den Ausgang des Happenings offen. In „Boat on my river“ vergleicht sich die Protagonistin mit einem Fluss, auf dem ihr Gegenüber als Boot vor sich her treibt – und niemand außer sie selbst weiß, wohin am Ende es gelangen wird. Doch das kann man ihr nicht übel nehmen:
das offene Ende ist schließlich Teil des Spektakels, die Unsicherheit der stete Garant für die nicht abnehmende Aufmerksamkeit und Begierde.

Doch auch wenn Stella Sommer sich diesbezüglich nicht festlegen mag, bleibt die Zuneigung des Publikums ihr gegenüber ungebrochen. „Hatred grows stronger each time that we meet“, singt Sommer an einer Stelle des Albums, was in dieser Form vom geneigten Zuhörer in keinster Weise bestätigt werden kann. Kurz darauf aber wendet sich das Blatt, und so stellt sie schließlich die alles entscheidende Frage: „Do you still love me now?“ – und wir, die ihr mal wieder so viel zu verdanken haben, können endlich die Möglichkeit ergreifen, auf die Knie zu gehen und zu antworten:: Ja! Ja! Ja!

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  • 9/10
    Autor Luca Glenzer - 9/10
9/10

Kurzfassung

Eine kurze Atempause von Die Heiterkeit hat Sommer genutzt, um mit ihrem ersten Soloalbum vieles anders und doch alles vertraut zu gestalten. Der Ankerpunkt des Geschehens ist ein Mal mehr ihre Stimme, die jeglichen Funken Aufmerksamkeit der Zuhörer/innen wie ein trockener Schwamm absorbiert. Pathos und Stilbewusstsein gehen hier eine untrennbare Symbiose ein, der Kitsch klopft an allen Ecken und Enden an die Türen, ohne dass man sich peinlich berührt abwenden möchte.

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