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Nun geht die Reise weiter: Nachdem im Mai dieses Jahres zuletzt die beiden Alben Transient Random-Noise Bursts With Announcements und Mars Audiac Quintet aus den Jahren 1993 und 1994 wiederveröffentlicht wurden, folgen nun mit Emperor Tomato Ketchup, Dots And Loops und Cobra And Phases Group Play Voltage In The Milky Night die Alben 6-8 aus dem Backkatalog von Stereolab, veröffentlicht in den Jahren 1996, 1997 und 1999.

Während es auf den früheren Alben noch rumpelte und quietschte, der Dilettantismus bisweilen nicht nur in Kauf genommen, sondern regelrecht provoziert wurde, löst sich der musikalische Ouput auf den hier vorliegenden Scheiben zunehmend auf in einen wohlfeil ausgetüftelten, streckenweise enorm vielschichtigen und komplexen Sound. Wohlwissend, dass an dieser Stelle bei einigen Zeitgenossen die ersten Alarmglocken schrillen könnten, sei dieser Anmerkung die zweite hinzuzufügen: Stereolab klingen nicht wie anstrengende, Testosteron-geladene, Penis-zur-Schau-stellende Mucker. Im Gegenteil ist es eher so, dass ihre Musik auf den ersten Blick häufig weniger komplex klingt, als sie es eigentlich ist. Vieles spielt sich im Hintergrund und Verborgenen ab. Verschwunden sind die – naturmetaphorisch gesprochen – Lawinen-artigen Euphoriesongs von Peng, der hier vorzufindende Sound ist geschmeidiger, nuancierter. Der Rausch ist geblieben, doch gleicht er nun einem gleichmäßig dahinfließenden Bächlein.

Aber der Reihe nach: Nachdem sich Stereolab nach ihrer Gründung im Jahr 1990 nach und nach einen Namen erspielt hatten – zuerst in den kleinen Indie-Kellern Londons, nach und nach dann auch im europäischen und internationalen Rahmen – sind sie im Jahr 1996 das, was Ketzer „Indie-Superstars“ nennen würden. Ihrem enormen Popularitätsschub haben sie nicht zuletzt der glücklichen Fügung zu verdanken, dass in den vorangegangen Jahren jenes Genre, das man heute als „Post-Rock“ begreift, durchaus beträchtliche Erfolge feiert. Ihm zugrunde liegt die bewusste Abkehr vom breitbeinig inszenierten Männer-Rock – Magazine wie die Spex sprechen diesbezüglich nur noch von „Rockismus“. Post-Rock und jenen Künstler_innen, die ihn spielen, geht es darum, eine neue Weichheit, aber auch eine neue Offenheit jenseits festgefahrener Genrezuweisungen zu etablieren. Doch ist ihre Musik natürlich meilenweit entfernt von dem, was in jenen Jahren zuweilen unter Crossover gelabelt wird – der ideale Soundtrack zum post-ideologischen Beliebigkeitszeitalter der 90er Jahre. Post-ideologisch, oder das, was man in den 90er Jahren darunter versteht, sind Stereolab nämlich ganz und gar nicht: Wie einsame Kamele in einer verlorenen Wüstenlandschaft halten sie in jener Zeit an Sozialkritik und Marx-Bezügen fest, ganz so, als ob sie nicht begriffen hätten, dass die 80er Jahre und ihre „kulturellen Eigenheiten“ schon längst in verstaubten Geschichtsbüchern entsorgt wurden.

Das im Jahr 1996 veröffentlichte Emperor Tomato Ketchup – benannt nach dem gleichnamigen Experimentalfilm des japanischen Regisseurs Shūji Terayama aus dem Jahr 1971 – bildete dabei die endgültige Abkehr von eingängigem Indie Pop, Rückkopplung und Dissonanz, die sich bereits auf dem Vorgänger Mars Audiac Quartet mehr als angedeutet hatte. Schon der Opener Metronomic Underground unterstreicht dabei die neuen Ambitionen des Quartetts: Eine funky Bassline, eine im wesentlichen auf Single-Notes reduzierte Gitarre, repetitive Akkorde des legendären Moog-Synthesizers, und die ebenso sich um sich selbst drehenden Textfragmente von Lætitia Sadier und Mary Hansen reichen aus, um einen geradezu magischen Sog zu entwickeln. Das darauf folgende Cybele’s Reverie ist dann ein kleiner Rückgriff auf die bewährte Pop-Rezeptur der Vergangenheit, doch bildet es auf dem Album eher die Ausnahme. Die meisten Songs verweigern sich gängigen Songstrukturen, beschränken sich zumeist auf ein bis zwei Themen, die fortlaufend weitergesponnen werden. Stücke wie Les Yper Sound oder OLV 26 sind dabei schlicht betörend, und wenn Sadier und Hansen im Stück Tomorrow Is Already Here immer und immer wieder „Originally this set up was to serve society/ Now the roles have been reversed“ singen, weiß man, wie Politisches ganz unpeinlich mit Pop verflochten werden kann.

Mit dem im Jahr 1997 erschienen Dots And Loops nahm die Band dann erstmals ein Album außerhalb Londons auf, nämlich zum einen in Chicago und zum anderen in Düsseldorf. Ob letzteres der ausschlaggebende Grund für die noch stärker zutage getretenen elektronischen Musikeinflüsse gewesen sein mag, kann zwar getrost als pophistorische Spekulation betrachtet werden; doch auffällig ist die stringente Weiterverfolgung der erläuterten Soundvorstellungen allemal – zwischenzeitlich kommt man nicht ein mal mehr auf die Idee, einer Band im klassischen Sinne zuzuhören, sondern einer Soundcollage, wie etwa im 17-minütigen Refractions in the Plastic Pulse. Passend dazu ließ Tim Gane, der Gitarrist und Mitbegründer von Stereolab, im gleichen Jahr in einem Interview verkünden, als passionierter Plattensammler nahezu jede Musik aufzusaugen und im kreativen Schaffensprozess zu verarbeiten. Abgesehen – so Gane – von verzerrten Gitarren, die würden ihn einfach nur noch langweilen. Manches auf diesem Album erinnert auch an den in dieser Zeit ebenfalls sehr populären Trip Hop, etwa die Stücke Parsec oder Ticker-tape of the Unconscious.

Auf dem 1999 veröffentlichten Cobra And Phases Group Play Voltage In The Milky Night wurden die Gitarren – einst eines der Erkennungsmerkmale der Band – dann nahezu endgültig aus dem Soundbild der Band gestrichen. Stellenweise geht es sehr vertrackt und jazzig zu auf diesem Album. Effekte und Geräusche blubbern, mal im Vorder-, mal im Hintergrund vor sich hin, zum Teil wird es für den flüchtigen Hörer schwer, den Überblick zu behalten. Doch alle, die sich ein wenig Zeit nehmen, erkennen natürlich immer noch die Songs in der Darbietung, nur sind diese längst nicht mehr so leicht aus der Soundlandschaft heraus zu schälen, wie es zu Beginn der 90er Jahre mal der Fall gewesen ist. Alles fließt mehr ineinander über und wird dadurch ein großes Ganzes; viele Passagen des Albums lassen sich unter dem Label „Easy Listening“ fassen, was jedoch nicht mit einfachen Songstrukturen gleichzusetzen wäre. Seinerzeit wurde das Album als das erste von Stereolab nicht mehr besonders euphorisch aufgenommen, weder von Presse noch von der Hörerschaft. Vielleicht hing es mit allgemeinen Ermüdungstendenzen zusammen und damit, dass Stereolab aufgrund diverser Epigonen im Jahr 1999 natürlich längst nicht mehr als so einmalig galten, wie es zu Anfang ihrer Karriere mal der Fall gewesen war. Doch hört man das Album heute, merkt man, dass es erstaunlich gut gealtert ist.

Alle drei hier besprochenen Re-Releases erscheinen als 3-LP Edition, die neben dem Originalalbum jeweils noch einige, zum Teil sehr hörenswerte Demotracks und Linernotes von Tim Gane zu jedem einzelnen Track enthält.

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Parallel zu der sukzessiven Wiederveröffentlichung des Backkatalogs seit Ende letzten Jahres sind Stereolab aktuell auch wieder am Touren, ein Besuch eines der Konzerte kann an dieser Stelle nur wärmstens empfohlen werden. Die drei Alben sind – zum Glück – auch noch nicht das Ende der Fahnenstange: Im November folgen die beiden Alben Sound Dust und Margerine Eclipse, die ursprünglich zu Anfang des Jahrtausends erschienen und die die von der Hörerschaft teils so schmerzlich vermissten Gitarren wieder verstärkt in den Vordergrund stellten.

Wie gesagt: Die Reise geht weiter und insgeheim wünscht man sich, sie möge nie enden.

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Zusammenfassung
Alle drei hier besprochenen Re-Releases erscheinen als 3-LP Edition, die neben dem Originalalbum jeweils noch einige, zum Teil sehr hörenswerte Demotracks und Linernotes von Tim Gane zu jedem einzelnen Track enthält.
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