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Immer wieder hat es in der Vergangenheit verschiedene Ansätze gegeben, in denen Künstler_innen versuchten, im Prozess der Kreation ihrer Kunstwerke jene Filter und Scheuklappen abzulegen (oder zumindest abzubauen), die für gewöhnlich unser aller Alltag bestimmen und lenken.

Vö: 03.05.2019 Duophonic UHF Disks LPs kaufen

Einfach und unmittelbar das abzubilden, was ist. Scham- und Peinlichkeitsgefühle auszublenden, mit der Intention oder zumindest aber dem Ergebnis, Unbewusstes bewusst werden zu lassen. Das Unbewusste jenes Menschen, der weit mehr ist als ein einheitlicher, bürgerlich-geformter Charakter. Eines Menschen, der in sich infantil-kindliche Gefühlsregungen ebenso vereint wie das, was man weitläufig unter „vernunftgeleitetem Erwachsensein“ versteht. Wobei ersteres schließlich zumeist als zugerichtet-verstümmelter Rest verbleibt – durch die beharrliche Konstruktion eines vermeintlichen Widerspruches, der keiner ist, sondern bloß zwei Seiten ein und der selben Medaille darstellt.

Stereolab haben Anfang der 90er-Jahre einige der spannendsten Alben veröffentlicht, die sich im Groben dem Bereich „Indie“ zuordnen lassen.

Wenngleich der Begriff auch schnell in die Irre führen kann, ist er doch heute, gut 25 Jahre später, beliebiger denn je geworden. Werden wir also konkreter: Das, was Stereolab damals ausmachte und sie zu einer zumindest genreintern bedeutenden, wenn auch nie kommerziell sonderlich erfolgreichen Band machte, war ihre Stilmixtur, in der sie Post-Rock (den es damals noch gar nicht richtig gab) mit Chanson, Dream Pop mit Easy-Listening-Elementen, Kinderlieder-ähnliche Komponenten mit Avantgarde vermengte.

Stereolab waren leicht konsumierbar und anspruchsvoll zugleich, sie konnten ebenso gut einen schwitzigen Nachtclub wie ein etabliertes Kunstmuseum bespielen.

Und dies ist dann vielleicht auch der Verbindungslink zu den einleitenden Ausführungen dieses Textes: Stereolab waren vieles zugleich, was sich auf den ersten Blick eigentlich auszuschließen schien. Ein Rezensent betitelte einst seinen Artikel zu Transient Random…“ mit „Power through Repetition…Power through Repetition…“, denen man gut und gerne noch einige Wiederholungen hinzufügen könnte. Verständlich wird das Prinzip Stereolabs dadurch vielleicht nicht, im besten Falle aber ein wenig verständlicher. Die Band scheute sich nicht, Songs mit einem oder zwei Motiven auf 15,16,17 Minuten auszudehnen (wie etwa im Song Jenny Ondioline).

In Zeiten von Ressourcenknappheit und Sparzwängen kann man so etwas gut und gerne als effizient fassen, in der konkreten Situation des Hörens ist es schlicht betörend. Doch Stereolab beherrschten auch das Gegenteil dessen, die Komposition kurzer, unglaublich eingängiger Hits, wie etwa ihr Evergreen French Disco beweist.

Nun, im Jahr 2019, haben die Verantwortlichen von Warp Records/ Roughtrade die beiden Alben Transient Random-Noise Bursts with Announcements und Mars Audiac Quintet aus den Jahren 1993 und 1994 wiederveröffentlicht.

Beide Alben kommen, wie es bei derlei Veröffentlichungen üblich ist, mit reichlichem Bonusmaterial daher, sodass sie jeweils zu einer 3-LP-Version angewachsen sind. Tatsächlich lässt sich auch das Bonus-Material gut anhören, was bei etwaigen Re-Releases nicht unbedingt einer Selbstverständlichkeit entspricht. Insbesondere die beiden Alternative-Takes von French Disco, der nie auf einem regulären Album erschien, wissen zu überzeugen. Doch auch die optische Aufmachung macht einiges her: Beide Alben kommen im schicken Gatefold inklusive umfangreicher Booklets, die u.A. Liner-Notes zu allen Tracks enthalten.

Musikalisch unterscheiden sich beide Alben nicht allzu sehr, einzig die Produktion weist deutliche Unterscheidbarkeiten auf.

Während Transient… soundtechnisch noch verschwommener, roher und irgendwie „more garage-like“ daherkam, merkt man Mars Audiac Quintet den differenzierteren, klareren Sound deutlich an. Transient Random-Noise Bursts with Announcements und Mars Audiac Quintet sind zwei spannende Zeitdokumente, und ihre Wiederveröffentlichungen sind zweifellos sinnvoll angesichts horrender Preise der auf dem Markt gehandelten Originale.

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Zusammenfassung
Rauschartige, krautige Soundströme in der Tradition von NEU! und Konsorten meets 60s bubble-gum Pop a la Beach Boys: Die Re-Issues von „Transient Random-Noise Bursts with Announcements“ und „Mars Audiac Quintet“ erinnern uns alle daran, was Pop im ursprüngliche Sinne, zumindest in seinen besten Momenten war und gelegentlich noch ist: Das Versprechen der Transformation, die Überwindung von Grenzen, der sich jeder Vernunft widersetzende, nicht enden wollende Exzess.
4.8
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