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Mein Erstkontakt mit der Bremer Indie/Alternative-Rock-Band Stun war ein völlig aus der Zeit gefallener.

Vö: 21.09.2018 Fuego iTunes LP kaufen

Mitte 2008, als ich ein nach neuer Musik lechzender Label-Praktikant war, schickte mir Sebastian (Sänger der Bremer „Akustik Punk“ Band Ich und mein Tiger) Musikempfehlungen per gebrannter CD. So liebevoll, wie man CD-Rs eben verschicken kann: selbstgebastelt, mit selbst gestaltetem, künstlerisch anspruchsvollem Cover.

Ich erinnere mich an The Monochrome Set und eben Stun – eine Band mit „hypnotischem Breitbandrock“ (wie Buchautor und Bandfreund Hilmar Bender es passend beschreibt).

Leider ist mir die CD im Laufe der Jahre abhanden gekommen. Es handelte sich vermutlich um die 2005er Stun-Debut-EP „The Need To Walk“.

Obwohl mir ihr Sound durchaus gefiel, kam mir auch der Bezug zur Band irgendwie abhanden, weil ihre Live-Auftritte so rar gesät waren. Die Chance, Stun auf den Konzerten mit My Favourite Chords Band Kazimir zu erleben, verpasste ich aus unerklärlichen Gründen. An den Abend in Bremerhaven 2010 – als Lena Meyer-Landrut auf einer Parallel-Veranstaltung in Oslo sensationell den Eurovision Song Contest gewann – erinnern sich beide Bands allerdings nach all den Jahren immer noch lebhaft. So blieb mir bisher nur ein einziges Stun-Konzert vergönnt: In Hamburg mit der ebenfalls unterschätzten deutschen Indie-Band Kate Mosh.

Umso mehr freut es mich, dass Stun sechs Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „Ok Hunter“ wieder mit neuen Songs in den Startlöchern stehen. Dabei hätten sie es gar nicht unbedingt nötig gehabt. Familie, Berufe, Älterwerden und andere Dinge lassen es vergleichbaren Bands immer überflüssiger erscheinen, weiterhin Platten zu veröffentlichen. Das sich blind verstehende Kollektiv aus Sänger und Gitarrist Marco Goerlich, Johann Dallmeyer am Bass, Roman Pelz an der Gitarre und Moritz Vandreier am Schlagzeug tat es trotzdem. Herausgekommen sind sechs Songs, die zusammen auf gut eine halbe Stunde Spielzeit kommen und auf den gemeinsamen Titel „Today We Escape“ hören. Fünf Minuten pro Song sind nicht gerade die typische Radio-Pop-Single-Länge. Das macht diese sechs Songs allerdings nicht weniger eingängig.

Produziert hat den Schinken Blackmail- und Scumbucket-Gitarrist Kurt Ebelhäuser, der als Produzent vor allem deutschsprachigen Indie-Punk-Bands lehrte, dass mächtige Gitarren ihrem Sound nicht schaden können.

„Memorandum“ von Mikrokosmos 23, „Frau Potz lehnt dankend ab“ von Frau Potz oder „Alles muss kaputt sein“ von Pascow sind glänzende Beispiele hierfür. Auch das Gitarren-Resultat auf „Today We Escape“ ist schwer beeindruckend. Zusätzlich tritt aber auch Goerlichs Gesang weiter in den Vordergrund als auf den Stun-Vorgängeralben. So zieht er uns über seine emotionalen Texte scheinbar weiter herein in seine bewegende Welt. Beispielsweise, wenn er im intensiven Album-Opener „Sell Your Soul“ gehüllt in energie-geladene Gitarren wiederholt die hingebungsvollen Zeilen „I’m Coming Home“ zum Besten gibt.

Von Vorteil bei einer geringen Anzahl an nur sechs Albumsongs ist die sinkende Wahrscheinlichkeit, dass es Totalausfälle zu verzeichnen gibt. Dem ist auf „Today We Escape“ absolut nicht so. Auch „State Of Mind“, „The Coterie“, „Level Up Errors“ und „Law“ überzeugen durchgängig und brennen sich mit jedem Hördurchgang tiefer ins Gehirn. Langweilig wird dem Hörer nie: Eine teilweise monströse Welle an breitem Gitarren-Sound, einzeln eingestreute Soli mit Wiedererkennungswert, das gekonnte Wechselspiel aus Laut und Leise mit Gitarren-Feedback und Goerlichs Gesangswechsel von leise klagend bis selbstbewusst brüllend sorgen für die nötige Abwechslung im Sound, sowohl auf dem gesamten Album, aber sinnbildlich dafür auch schon allein in einem Song wie „Law“.

Der Album-Closer „Escape“ setzt sich da klanglich noch am meisten ab. Ein elektronisch-umherflirrender Drumbeat neben verzerrten Gitarren, die scheinbar aus unterschiedlichen Richtungen kommen, auf einer Länge von für Stun-Verhältnisse ungewöhnlich kurzen 2:31 Minuten erinnert ein wenig an The Notwist, deren Album „Neon Golden“ 2002 weltweit überwältigende Kritiken einheimste. Weltweiter Ruhm wird es für Stun wohl trotz eines mehr als überzeugenden Albums wieder nicht werden. Zu gönnen wären der Band aus Bremen ein paar anerkennende Worte von Fans, Bands und Kritikern von Manchester bis Seattle allerdings allemal.

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