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Die zweite Inkarnation der SWANS ist seit kurzem Geschichte: nach einer ausgiebigen Welttournee haben Michael Gira und die anderen Herren den Vorhang zugezogen, oder um es situationsangemessen zu sagen: die Tür zugeworfen.

Vö: 03.08.2018 Mute Records iTunes LP kaufen EP kaufen

Gespannt sein dürfen die Fans wie es weiter geht. Giras kürzlich getroffene Aussage lässt ein Pflänzchen Hoffnung aufkeimen:

Now, as it’s natural, I’m looking towards what comes next. I’m currently writing new material for the next phase of SWANS, some of which I’ll perform on my upcoming solo tours.

Nachdem Gira letztes Jahr solo in Europa unterwegs war, stehen 2018 weitere Auftritte in LA, Berkeley, Portland und Seattle an. Wer das Glück hatte die SWANS auf eine ihrer letzten Tourneen zu erleben, wie zum Beispiel im Berliner Technoclub Berghain, wird sich wahrscheinlich an äußerst intensive dreistündige Gigs erinnern, welche wohl nicht nur die SWANS in eine kaum gekannte Form von Katharsis brachten. Bildhaft gesprochen erinnert sich der Schreiber an ein Gefühl, als wäre gerade die Haut abgezogen worden, um einen Blick auf die freigepellte, aus aktuellem Anlass illuminierende menschliche Seele zu werfen. Dabei ist – so düster und nihilistisch die Musik und öfter auch die Texte von Gira sind – durchaus eine positive Seite von religionsfreier und an den Rändern ausfransender unkonventioneller Spiritualität in den Werken aus der Zweitdekade der SWANS zu finden.

Mit dem letzten fast zweieinhalb Stunden dauernden Album „Soundtracks for the Blind“ der ersten SWANS-Inkarnation (1982 bis 1997) wurde vorweggenommen, was etliche Jahre später in der zweiten Dekade passieren sollte: ruhige Stücke stehen im Kontrast zu gewohnten Krach-No-Wave- und Industrial- Elementen, zu den seit Gründungstagen immer häufiger auftretenden Folk-Elementen treten nun auch Ambient-Passagen (stellvertretend seien Akustik-Gitarre sowie die tolle Orgel in „Helpless Child“ genannt) an die Seite von elektrischen Gitarren. Deren postrockig anmutender Lärm Gitarrenlärm wie Postrock geht Hand in Hand mit Ambient, Doom, Folk, Artrock und Field Recording, und es lassen sich elektronische, wenn nicht sogar leichte Techno-Einflüsse ausmachen. Dies bedeutet neben der musikalischen Erweiterung auch eine größere Bandbreite von Fans. Konzerte wie jene im Berghain ergeben durchaus Sinn, denn auch in dem Techno-Tempel sind repetive hypnotische möglichst laute Klänge mit großer Durchschlagkraft nicht unbekannt. Zudem wurde sich auf diese Weise Michael Giras Wunsch genähert, mehr als die etwas klischeehafte Krach-Schwerenöter-Band zu sein, wo Leute drauf warten ob tatsächlich Zuhörer im Publikum ohnmächtig werden.

„Soundtracks for the Blind“ ist zudem ein interessantes Album durch den Umstand, daß Gira jahrelang Samples und Loops produzierte und endlos bearbeitete- und mit dem Kassettenrecorder in der Hand das bereits erwähnte Fieldrecording betrieb. „The Beautiful Days“ darf hier Pate stehen. Dies ist ein hübscher Kontrast zu Lärm-Kaskaden wie „I love you so much“.

Das Ganze wurde in der Postproduktion und mit etlichen neuen Musikern (ja, Gründungsmitglied Jarboe ist auch noch dabei) in eine spannende Form gebracht, wobei besonders Chris Griffin eine tragende Rolle spielt: für Gira der Mann seines Vertrauens, für die Platte ein großer Gewinn. Gira:

There was so much material to deal with…and the task of making it into something coherent was all time debilitating…Chris Graffin and I managed to sculpt something out of it.

Besonders erwähnenswert ist das gut zehn Minuten dauernde Stück „The Final Sacrifice“ weil hier ein klarer Link zur Wiederbelebung der Band zu erkennen ist und so gut wie alles zu hören ist was Alben wie „The Seer“ toll macht: ein langsamer Einstieg mit Akustik-Gitarren und Akkordeon…Streicher schwellen an, es ertönt ein Glockenspiel…aber anstatt ein Postrock-Crescendo zu erzeugen (was die SWANS gut können) werden Instrumentierung und Energie wieder zurückgefahren, bis Michael Gira seinen düsteren Text beinahe mehr spricht als singt.

Nach zweieinhalb Stunden gern erlebter Vereinnahmung ist aber noch nicht Schluss, denn das einst nur in Deutschland erschienene einstündige Album „Die Tür ist zu“ ist auf einer dritten CD beigepackt. Gleich zu Anfang gibt es das bis dahin längste Lied der SWANS: „Ligeti’s Breath/Hilflos Kind“. Ligeti war ein weiterer Künstler der es schaffte, die geneigten (wenn willigen) Zuhörer zwölfunddreissig Zentimeter über dem Boden schweben zu lassen. Im Vergleich zum Original zeigt Gira in noch experimentellerer Form, was raubeinige Drones und diverse Samples angeht, zudem ist die…nun ja…recht freigeistige Übersetzung in die deutsche Sprache hörenswert. Ebendies passt auch zu „Ich sehe die alle in einer Reihe“, ein Lied von Giras Solo-Album aus dem Jahr 1995. Außerdem gibt es eine Live-Version des frühen SWANS-Liedes „Your property“ zu hören, was hier „YRP“ heißt und von Jarboe anstatt von Michael Gira gesungen wird.

Auch wenn „Die Tür ist zu“ als zusammengestelltes Zusatz-Album nicht ganz die Größe von „Soundtracks for the Blind“ erreichen kann (was etwas viel verlangt wäre) ist die Drittauflage (beim letztjährigen amerikanischen Record Store Day war das Teil auch noch mal zu haben…) in Cardboard-Aufmachung und liebevollem Design nicht nur eine musikalische Perle.

Die Wiederveröffentlichung von „Soundtracks for the Blind“ plus Bonus zeigt wie prägend SWANS nicht nur für Post-Rock, sondern für jede nicht-radio-formatierte Gitarrenmusik waren und sind.

Swans – The Glowing Man

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