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Die SWANS bannen ihr ultimatives musikalisches Statement auf ein zweistündiges Doppelalbum, welches mehr als 30jährige Ideen beinhaltet. Dabei lassen Michael Gira und Konsorten alle Stile anklingen, die mit der amerikanischen Band bislang in Verbindung gebracht wurden und liefern, zumindest auf Gesamtlänge, ein hypnotisches Meisterwerk ab.

Lautstärke. Gitarren. Drei Gitarren. Monotone Rhythmen. Röhrenglocken. Gesang. Mehrstimmiger Gesang. Tiefe, männliche Stimme. Schweiß. Rollende Augen. Nickende Köpfe. Feuchte Stirnen. Fliegende Haare. Hypnotisierende Klang- und Noiseeskapaden, die mit einer unerhörten Lautstärke aus den Boxen tönt, gesteigert wird, gesteigert wird, gesteigert wird, bis ins nahezu Unmögliche. Dann Stille. Akustikgitarre. Field Recordings. Liebeslieder. Hasslieder. Noise. Folk. Industrial. Krautrock. Drone. Post-Punk. Post-Rock. Experimental. Lang. Groß. Sehr groß. Monolithisch, nahezu.

Eigentlich könnte man dieses Überalbum der im Jahre 2010 wieder auferstandenen „Swans“ ausschließlich mit solchen Stichworten beschreiben, und damit sogar halbwegs treffend, wenn auch syntaktisch unzureichend, einfangen, was für ein musikalischer Brocken das neue Album „The Seer“ geworden ist. Ein wahnwitziges Statement eines hin und wieder an Größenwahn leidendem Ausnahmekünstlers, Michael Gira, die treibende Kraft und Inspiration der amerikanischen Experimental-Formation. Schließlich ist es alles andere als üblich, dieser Tage, in jener schnelllebigen, von Rihanna und Lady Gaga (die übrigens im finalen „The Apostate“ besungen wird) bestimmten Zeit, ein knapp zweistündiges Album aufzunehmen und zu veröffentlichten, in dem es derart drunter und drüber geht, wie auf „The Seer“. Andererseits besitzt Gira nun einmal als Produzent und Hauptautor der musikalischen Werke die Kontrolle, und nutzt zum Glück sein eigenes Plattenlabel „Young God Records“, um seine Musik unters Volk zu bringen.

Andererseits – und das möchte ich nicht als Sakrileg verstanden wissen – hätte eine eventuell etwas kritischere dritte Meinung ein paar Passagen ganz gut getan. Natürlich stellt der Titeltrack schon aufgrund von seiner mehr als halbstündigen Laufzeit ein bedrohlich auf- und abschwellendes Soundmeer dar, welches mit dieser Länge eine Ausnahme bleibt. Und trotz der dunklen Intensität, mit der vor allem dank Schlagzeuger Phil Puleo musiziert wird, schaffen es die sechs Musiker nicht, den Spannungsbogen über alle 32 Minuten hochzuhalten. Hier hätte eine eventuelle Kürzung um fünf bis zehn Minuten dem Album eher gut getan.

Allerdings spielen, auf Gesamtlänge betrachtet, die paar Sekunden mehr oder weniger, keine große Rolle mehr. Schließlich will „The Seer“ vor allem als Gesamtwerk erschlossen und verstanden werden – und im Gesamtkontext macht dieses repetitives Arrangement durchaus Sinn. Dementsprechend verzeiht man den „Swans“ die paar Momente, in denen so etwas wie Langeweile aufzukommen droht, gerne, gerade weil der Rest des Albums praktisch durchgängig zu überzeugen weiß.

Das beginnt bereits beim Opener „Lunacy“, in dem Alan Sparhawk und Mimi Parker von den göttlichen „Low“ den wunderbarsten Harmoniegesang beisteuern, den man seit dem letzten Hördurchlauf von Crosby, Stills, Nash & Young’s „Déjà-Vu“ je gehört hat. „Mother Of The World“ lässt selbst tiefenentspannte Menschen durch die schweren, beängstigend lauten Atemgeräusche von Gira und dem treibenden Rhythmus zu Paranoikern werden. Und „93 Ave. B Blues“ wartet nicht mit einem herkömmlichen Bluesschema, sondern mit experimentellen Klangcollagen auf.

Vor allem die zweite CD grenzt schon verdammt nahe an Perfektion. Karen O’s Gesang veredelt beispielsweise das wunderschöne, von Akustikgitarren und Piano bestimmte „Song For A Warrior“, bei dem jeder zu Gefühlen fähige Mensch spätestens bei den Zeilen „Some people say, God is long dead, but I heard something inside you, with my head to your chest“ in Tränen ausgebrochen ist. „A Piece Of The Sky“ zelebriert in der ersten Hälfte die bereits beim vorherigen Album erhoffte Rückkehr von früherer Swans-Sängerin Jarboe, die ihre Arbeit eindeutig nicht verlernt hat. Und wenn dann schließlich Gira offenbar vollkommen irre in „The Apostate“ den dämonischen Geist von Lady Gaga hinauf beschwört, damit ein dunkler Teil seiner Seele mit ihr schlafen kann, dann weiß man, dass die „Swans“ grundsätzlich zu allem fähig sind.

Laut Gira stellt „The Seer“ übrigens, trotz seines durch die Stilvielfalt abschließenden Charakters, nicht das letzte „Swans“-Album dar, sondern eher im Gegenteil, der Anfang für weitere Klanglandschaften auf Tonträger gebannt. Man kann nur hoffen, dass der Sänger und Songwriter sich weiterhin auf seine Stärken besinnt, und auch in Zukunft Alben wie „The Seer“ abliefert – zuzutrauen ist es ihm und seinen wiedergeborenen Schwänen. Es muss ja nicht immer ein zweistündiger, monolithischer Klotz sein.

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