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An oder unter der Theke zu enden, hat seit Swutscher diese negativ-anhaftende Konnotation verloren und wird wieder anerkennend hingenommen. Danke dafür!

LP Preise vergleichen iTunes Vö: 25.05.2018 Staatsakt

Ja, die sechs Pappdeckel auf dem holzverkleideten Tresen sind immer noch und schon wieder voll!

Die Band, in der Harald Juhnke eine ideale Besetzung als Manager abgeben würde, meldet sich mit ihrer zweiten Platte „Wilde deutsche Prärie“, eine Menge mehr perverser Anekdoten und einem lauten Rülps wieder zurück!!

Und wer meint, dass Zweitgeborene das pure Gegenteil der Älteren sind, sollte weniger Brigitte und Freizeit Revue lesen, denn „Wilde deutsche Prärie“ ist eine mit zehn Songs bestückte Platte, die ihrer ersten EP „Wahnwitz“ in absolut nichts nachsteht und mindestens so vielseitig ist wie die Gesichtsakrobatik des Louis de Funès. Garagerock, Chanson, Country, Polka, Swamp-Blues schmiegen sich verliebt und angewidert aneinander und all das scheint in eine Art Enfant-Terrible-Symposium zu gipfeln…

Erik Satie sagte einmal: „Je mehr Musiker es gibt, desto mehr Verrückte gibt es“ und ja, jemand der einen peinlich-offenen Hosenschlitz bewusst mit so einer königlichen Würde tragen kann, wie Marie-Antoinette ihre meterhohen Rokoko-Perücken, der hat mit Swutscher schon mal etwas gemeinsam, denn konventionelle Peinlichkeiten werden für nicht-existent, falsche Scheu für unnötig, „nur“ betrunken sein für unzulänglich und Leidenschaft für unabdingbar erklärt.

Aufgenommen haben sie erneut im berühmt und berüchtigten „Martin’s Bauwagen“, der in Brunsbek (einer 1750 Einwohner-kleinen, beschaulichen, idyllischen Gemeinde in Schleswig-Holstein) an einer Garten Eden-gleichen Stelle steht und schon die ein oder andere Band zu ihrer gelungenen Platte verholfen hat. Zehn Songs- 6 Tage.

„Wilde deutsche Prärie“ startet mit „Im Westen“; einen ausgelassenen 3 Minuten langen schunkelnden, Walzer-artigen und Wirtshaus-Atmosphäre verbreitenden Song, der mir jetzt zur Mittagszeit schon alles abverlangt, nicht zum Kühlschrank gehen um mich des Bieres zu bedienen.

Im Westen nichts Neues, alles bleibt gleich,
und die Alten erzählen von den Greueltaten,
doch dafür haben wir keine Zeit…

Das Tempo wird bei „Samstag Nacht“ angezogen und die Verspieltheit von von „Im Westen“ weicht hier einer starken, ziemlich gradlinigen Garage-Pop Struktur mit einem sehr erheiternden Tastensolo…

Ich schau in deinen Spiegel, befinde mich für schick,
’n kleinen Spritzer Old Spice und ’n kleines Näschen Koks-
mach mal kein Stress, der Nachtbus fährt noch gar nicht los…

(Samstag Nacht)

Der „Burnout Boogie“ fängt gediegen an, ist gesanglich von schwerfälliger, valiumverdächtiger Gemütsart; die restlichen Instrumenten werden zärtlich angeschlagen und spärlich eingesetzt, ein „ich glaube, ich verstehe dich“-Kopfnicker-Song ..vorerst..

nur ’n paar Tage vom Job befreit,
dann musst´ ich wieder ran, ich war noch gar nicht so weit,
du musst anscheinend funktionieren,
ansonsten kommste hier nicht weit-
das ist der Burnout Boooooooogie

…bis zum letzten Viertel, das tatsächlich nach Burnout auf Speed klingt. Fette Leadgitarre, laufender Bass; jeder darf seinem Wahnsinn nachgehen, wunderbar.

„Faxen Dicke“ (vertauscht man die beiden Wörter ergibt das eine Mehrzahl und die Eigenschaft eines Bieres, welches sich besonders zu Dosenstechen (auch Kosakenpumpe oder Holzfäller genannt) eignet) ist das beste Beispiel, dass gute Songs nicht zwingend mehr als zwei Akkorde brauchen; wie Mutter früher schon wusste wie man die fade Suppe mit Maggi würzt und aufwertet, so hat auch Swutscher es im Handumdrehen raus die zwei Akkorde mit sitzenden Breaks, erregenden Zeilen, einen nicht-schwach-werdenden-Takt und mal wieder eine richtig geile Leadgitarre aufzumöbeln. Wird einfach nicht langweilig…

Es folgt ein ruhiges Stück, bestehend aus Akustikgitarre, eine akzentuierte Slide-Gitarre, eine fast nicht wahrnehmbare aber dennoch Aura-versprühende Orgel und einem bedachtsamen Gesang, der uns Einblick gewährt auf ein Ende-Aufbruch-Neuanfang. Ein persönlicher Song.

Komm, mein Sohn, lass uns um die Häuser ziehen,
sag’mir, wer braucht schon dieses dreckige Berlin (?)
mit dem Fiat Panda über’s Land,
da wo wir hinfahren ist ein Neuanfang

(Von A nach B zu C)

„Karussell“ legt sich mit seinem großen Instrumentarium (darunter eine Ziehharmonika, die dem Song etwas (ööööh) „nordisches“ verleiht..so in etwa wie man sich fühlt wenn man konzentriert eine Jever-Werbung sieht) wie ein warmer Teppich nieder auf dein Haupt, wirkt schmerzlich- aber abgeschlossen, verzweifelt- aber zuversichtlich. Bedächtig.

„Bierstübchen“ ist, tut mir leid für den Begriff, einfach der „Hit“ oder passender gesagt, der „Gassenhauer“ dieser Platte. Nicht zwingend weil Isolation Berlin’s Tobias Bamborscke sich den Gesang mit Swutscher’s Sascha Utech teilt, sondern weil „Bierstübchen“ eine verdammt eingängige, sich-nie-wieder-aus-deinem-Hirn-loslösende Melodie besitzt mit passenden Instrumente (unter anderem schon wieder dieses geniale Akkordeon) und es einfach dafür geschrieben wurde um durstige Seemänner, geplagte Eheleute, hart arbeitendes Volk sowie nicht arbeitende Menschen, Hobbytrinker mit Seelenakne, Vollalkoholiker, Wirtshausbesucher und Tresengezücht jedweder Art glücklich mitgrölen zu lassen und für einen Augenblick macht alles wieder Sinn…

Im Bierstübchen bei Nacht, zerplatzen Männerträume an zerbrochenem Glas,
im Bierstübchen bei Nacht, ja da ist nie Schicht im Schacht

(Bierstübchen)

…eine wunderbare Tresenhymne.

Der achte Song „Kalt“ lässt wieder deutlich zeigen wie genial Swutscher ihre Instrumente aussuchen und einsetzen; sie passen sich perfekt der traurig-verschwommenen Lyrik an verfügt somit eine enorm- auratische Ausstrahlung…

Über „V-Mann im Blaumann“ hängt ein investigativer Schleier, ummantelt in Postpunk-Elementen und besitzt entfernt eine ähnliche Geistesbeschaffenheit wie Johnny Rivers‘- Secret Agent Man (es gibt davon auch eine unfassbar geile Version von The Dickies) und ist ein weiterer Höhepunkt der Platte.

Das letzte Stück „Alle guten Dinge sind Drei“ ist ein unter einer Minute kurzes Chanson-geprägtes Werk….Chanson?!?! Da fällt mir ein Satz ein, den so ein Typ bei einem Swutscher Konzert neben mir so daher salbadert hat „Bei Swutscher musst du dich über gar nichts mehr wundern“ und ja, er hatte Gott sei Dank recht, es kann nicht langweilig werden weil sie keine Sackgassen kennen, sondern mit ihren nackten Ärschen durch die grenzenlose Musiklandschaft sprinten als ob es kein Morgen gäbe. Und den gibt es in „Alle guten Dinge sind Drei“ auch vielleicht nicht.

Schön auch, wie sie mit dieser Widersprüchlichkeit zwischen Endzeit-Text und diesem entzückend-amüsierenden im französischen Kulturkreis verwurzeltes, musikalisches Genre spielen.

Meine Püppi und ich bis ans Ende dieser Welt,
die ja eh schon bald in tausend Teile zerfällt,
den Atomschutzbunker mit Bitcoins bestellt,
versprochen ist versprochen, unsre Ehe, sie hält,
du willst mich noch küssen, doch dann bitte schnell,
denn draußen tobt das Chaos und am Himmel wird’s hell…

(Alle Guten Dinge sind Drei)

Das Einzige was mich wundert, ist die Tatsache, dass noch keine Bier-Brauereigruppe Swutscher schöne Augen macht und sich ihnen an den Hals wirft um sich als Sponsor aufzudrängen oder dass noch keine Kneipe nach ihnen benannt wurde.., naja, was nicht ist…bla.

Zurzeit schlawinern die sechs Tresen-Nomaden gefühlt nur noch musikalisch durch die Gegend, sodass man sie in ihren Lieblingskneipen im Norden momentan leider nur noch selten zu Gesicht bekommt, aber irgendwann zieht es jeden wieder einmal an die heimatliche Theke…

Zusammen mit Isolation Berlin waren sie dieses Jahr im März, April bis Ende Mai auf Tour, werden im Juni, August und September auf eine Handvoll Festivals spielen und im Herbst auf eigene Tour gehen.

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