The art of asking – Interview mit Allie aus Berlin

Kritikerliebling Allie aus Berlin ist ein Soundzauberer mit fragil-schöner Stimme und ungewöhnlichen Geschichten, der am 19.06.2015 ein Album namens Allie veröffentlicht hat. Laut Eigenaussage, trotz Kitschgefahr, ist besagter Longplayer das Beste und Erfüllendste, was er bisher auf die Beine gestellt hat. PiN traf Allie vor seinem Auftritt in Düsseldorfs Off-Kultur-Perle, dem von Kim und Tobi betriebenen Wohnzimmerklub Kassette.

Als ich am 19 Juni um 19 Uhr in der Düsseldorfer Kassette eintreffe, bittet mich Inhaberin Kim mütterlich, noch ein wenig zu warten. Allie hätte erst gerade gegessen und würde sich noch ein wenig ausruhen. Dafür bekomme ich von ihr den leckersten Minztee geschenkt. Kaum 5 Minuten später jedoch holt mich Allie-in-black ab. Der Laden füllt sich langsam aber sicher, also fragen wir Tobi vom Kassettenteam, ob wir in seine Wohnung über dem Club können. So lange wir unsere Schuhe ausziehen, sei alles klar. Auf Tobis Couch ist Allie genauso, wie ich ihn mir vorgestellt habe: Ein bescheidener, sensibler, kluger und witziger Typ, mit dem man gerne auf einer Party enden möchte, um eine wirkliche Unterhaltung über Musik, Film und die Welt zu starten. Im Laufe unseres Gesprächs wird nicht zuletzt klar, dass man heute als Künstler nicht nur sein Metier, sondern auch die Kunst des Fragens – frei nach Amanda Palmer – beherrschen muss.

PiN: Allie, Du bist jetzt auf Record Release Tour – wie waren die Shows bisher?

Allie: Eigentlich ist es keine Tour, es sind mehr Record Release Shows. Mittwoch war die Release Party in Berlin. Es war echt ein schöner Abend. Ich habe ein Programm zusammengestellt mit DJs und dem Zauberer Tobias Dostal im Vorprogramm. Den kenne ich auch. Ich zaubere nämlich auch ein bisschen.

PiN: Das heißt Du zauberst noch auf einer zweiten Bühne/Ebene?

Allie: Ja, genauer gesagt ist es Kartenzauberei. Da bin ich jetzt aber nicht so krass gut drin. Für mich ist das ein cooler Ausgleich zur Musik. Das vermischt sich zwar nicht. Aber vielleicht hast Du es schon gesehen, ich habe einen roten Umhang über meinem Pult auf der Bühne. Das bringt vielleicht den Magie-Faktor rein für die Elektronik-Tricks.

PiN: Die Redakteure zerbrechen sich den Kopf über Dich, wer Du bist oder was Du machst. Der erste Track auf Deinem neuen Album heißt What the Fuck 4. Fragst Du Dich manchmal, was das alles soll, warum Du Dir das immer wieder „antust“?

Allie: Ja, doch. Vor allem nach dem letzten Album „Uncanny Valley“ ist diese ganze Musikbusiness-Dimension dazugekommen. Das ist ja auch alles sehr nervenaufreibend und man muss aufpassen, dass das ganze Drumherum einem nicht den Spaß nimmt an der Musik. War aber eine sehr wichtige Lektion: Es gibt Leute, mit denen man arbeitet. Und dann gibt es Freunde.

PiN: Aber manchmal gibt es beides. Wie kam es überhaupt zu den vielen ungewöhnlichen Kollaborationen mit Freunden auf dem Album?

Allie: Bei der Arbeit am Album ging es ab einem bestimmten Punkt erst einmal nicht weiter und dann habe ich mir gesagt: So, ich nehme alles selbst in die Hand und produziere das, so gut ich kann selbst und nutze alle Ressourcen, die ich habe. Versuche das Beste daraus zu machen. Aufgenommen habe ich in einem Heimstudio von Freunden (Sea+Air) und zudem alle Künstler, die ich kenne und gut finde gefragt, ob sie Bock haben mitzumachen. Ich hatte zum Beispiel ein Klavier im Kopf, kann aber kein Klavier spielen und habe den befreundeten Pianisten Nuño gefragt. Black Cracker ist ja nicht nur Rapper, sondern auch Dichter und so habe ich ihn gefragt, ob der das Intro, das Gedicht vertonen kann, so acapella-rap-mäßig. Außerdem habe ich alle meine Freunde gefragt, ob sie singen möchten. Da gibt es nämlich auch ein Chor-Stück auf dem Album: „This Is How I Go“. Auch für das Video zu dem Song habe ich den Schauspieler selbst angefragt. Der kommt eigentlich aus Schweden, ich habe ihn in einem Kunstfilm gesehen und einfach angeschrieben. Zum Glück hatte er Bock auf ein Berlin-Wochenende.

PiN: Wie zufrieden bist Du selbst mit dem Ergebnis?

Allie: Ich mein‘, das klingt jetzt nach Klischee, aber ich habe noch nie ein Album oder Musik gemacht, wo alles genauso ist, wie ich es haben wollte. Oder wo ich das Gefühl habe, dass es wirklich das Beste ist, was ich gemacht habe. Dass ich es nicht besser hinkriege. Entweder findet man das gut oder man sollte vielleicht etwas anderes hören. Bei keiner Ebene des Albums, sei es Artwork oder Lyrics, habe ich das Gefühl, dass ich noch mehr Zeit hätte reinstecken müssen. Ich bin auch echt stolz darauf.

PiN Film ist ja auch eine Disziplin, die Deine Musik beeinflusst, Deinen Sound, Deine Lyrics, Dein Artwork…

Allie: Es gibt verschiedene Wege, wie Filme die Musik beeinflussen können, die ich mache. Einerseits Zeilen, die ich gut finde oder einzelne Wörter oder bestimmte Charaktere oder das Feeling von einem Film oder einer Szene. Aber das ist eigentlich genauso wie mit dem restlichen Leben. Man trifft auf Leute, die man interessant findet. Dann sagt irgendwer was Cooles. Ich schreibe meine Texte ja in Englisch und habe praktischerweise auch viele Freunde, mit denen ich Englisch rede, die kein Deutsch können, da kommt z.B. viel an Inspiration zusammen. Aber eigentlich kann alles die Musik beeinflussen.

PiN: Würdest Du mir einen Film empfehlen, den Du in letzter Zeit gesehen hast?

Allie: „Safe“ mit einer sehr jungen Julianne Moore. Die konnte ich irgendwie bis jetzt nicht so gut leiden. Der Film ist aus den 90ern und auch kein Gute-Laune-Film, aber ich kann ihn dir wärmstens ans Herz legen.

PiN: Laut Referenzen in dem Album-Trailer hast Du auch einen exquisiten Musikgeschmack – hast Du auch peinliche Lieblingslieder?

Allie: 
Hmmm, da habe ich letztens mit einem Freund darüber geredet. Und ich habe das eigentlich überhaupt nicht. Ich höre natürlich auch solche Sachen wie Elton John, aber ich finde das jetzt nicht peinlich. Ich finde das dann genauso gut wie z.B. Tyler, The Creator. Ich höre auch Enya. Die hat noch nie ein Live-Konzert gespielt und lebt trotzdem in einem Schloss.

PiN: Perfekte Überleitung für die an Non-Mainstream-Künstler häufig gestellte Frage: Kannst Du denn von der Musik leben?

Allie: Ja. Ich habe zumindest die Erfahrung gemacht, das liegt aber auch daran, dass ich Solokünstler bin, dass wenn man sich das traut, es gar nicht so schwer ist. Wenn man das auch wirklich als Beruf versteht und sich wirklich um alles kümmert, Gema und Gagen usw. Aber ich habe trotzdem neben der Musik Soziale Arbeit studiert. Das ist es, was mich neben der Musik noch am meisten interessiert. Es ist auch ganz gut zu wissen, dass wenn ich ein paar Jahre mal aussteigen will, ich das dann machen könnte.

PiN: Was kommt nach dem Album?

Ich versuche einen Weg zu finden, wie ich meine eigenen Songs live am besten covern kann. Es ist ja noch ein ganz anderes Ding, die Songs live zu spielen und es muss interessant sein für mich selbst und für das Publikum. Ich möchte das auch gerne irgendwie visuell ansprechender gestalten, noch mehr aus der Live-Situation rausholen. Früher habe ich gesagt: Ok, jetzt spiele ich einfach nur die Songs und entweder man findet es gut oder nicht. Das ist aber nicht gut. Es gibt Situationen, in denen die Leute einem nicht sofort das Ohr schenken und die überzeugt werden müssen. Was also die nächsten Projekte betrifft: Ich plane eine Tour im Herbst in Europa zusammen mit einem Booker und vielleicht drehe ich im Sommer noch ein Video.

Allie schafft es auch in der kleinsten Wohnzimmerbar, große Soundräume zu schaffen und ist irgendwas zwischen DJ und Singer Songwriter. Er gehört nicht nur verdammt gut in die Kassette, sondern auf jeden Fall auf mein Mixtape und den Plattenteller. Als ich beim Rausgehen noch ein Vinylschätzchen ergattern möchte, unterschreibt er gerade das letzte Exemplar, das zum Geburtstag weiterverschenkt werden soll. An eine Hanna mit oder ohne H. Der Solokünstler kümmert sich jedoch wieder und will mir ein Exemplar per Post schicken. Hoffentlich streikt sie nicht mehr.

Allies neues Album Allie seit dem 19.06.2015 als digitale Version oder schmuckes Digipak bei jpc und iTunes erhältlich.

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