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„Holy Shit“. Während Conor Oberst mit seinen Desaparecidos gerade wieder die Faust zum Protest streckt, liefert sein katholischer Ex-Mitschüler Tim Kasher den passenden Soundtrack zur Sinnkrise. „Everybody’s Coming Down“ von The Good Life ist ein Album für Menschen, die sich jenseits der vom unendlichen Potenzial geschwängerten Mitte Zwanzig befinden. Für die, die gelernt haben, mit den Dämonen des Lebens zu tanzen.

Zwar sind seit dem letzten „The Good Life“ Album bereits acht Jahre vergangen. Doch der English Studies Undergraduate Kasher war auch in der Zwischenzeit ziemlich umtriebig. Auf sein Konto gehen bis dato acht Cursive Alben, fünf The Good Life Langspieler, drei Solo-Veröffentlichungen, eine nicht übersichtliche Zahl an Mitwirkungen bei anderen Saddle Creek Kollegen und wohl auch noch diverse Drehbücher. Kein Wunder, denn vom Lungenkollaps bis zur bitteren Scheidung gab es schließlich ja auch viel zu vertonen. Zum Glück hat der Ü-40er sein Leben im klassischen Sinne immer noch nicht auf die Reihe bekommen und sich stattdessen mit seinem Leben außer der Reihe angefreundet.

„Everybody’s coming down“ ist vielleicht das erste The Good Life Album, das nicht „bloß“ die Nebenprodukte von Cursive oder Solo-Kasher kanalisiert. Laut treffender Selbstaussage verbindet es sogar deren stärksten Elemente: Dissonante Lärm-Übergriffe, eine freudige Tobsucht und den süßen Schmerz in zarten Harmonien. Gepaart mit griffigen Mitsing-Zeilen. Auch die Einflüsse der einzelnen Bandmitglieder sind hier herauszuhören und bilden zugleich eine Einheit: die klassischen Rockdrums von Roger L. Lewis, die Frickeleien von Multiinstrumentalist Ryan Fox und die perfekte stimmliche Ergänzung einer der besten Indie-Rock-Bassistinnen: Stefanie Drootin-Senseney (Gründerin des Omaha Girls Rock Camp). Verarbeitet werden die großen Themen des denkenden und fühlenden Individuums im 21sten Jahrhundert wie Existenzangst in „Holy shit“, Selbstwert/zweifel in „How small we are“ oder Pathologien des Daseins in „Skeleton Song“. Das Alles jedoch mit einer schrammeligen Fröhlichkeit, originellen Wendungen und coolen Abgängen. Denn gewöhnlich wird „Everybody’s coming down“ auch trotz klarer, poppiger Melodien und Lyrics nicht. Das Album überrascht mit instrumentalen Tracks wie „Happy Hour“, bei dem man sich schon vom Zuhören leicht „dizzy“ fühlt, im Einklang mit der Harald Juhnkschen Definition von Glück (keine Termine, leicht einen sitzen). Zu den Highlights des Albums gehört sicherlich auch Drootin-Senseney’s entrückt-verträumter Gesang in „Diving Bell“, der passend zum Titel von einem psychedelischen Soundvakuum umgeben wird. Den Übersong gibt es auf „Everybody’s coming down“ vielleicht nicht, dafür viele kleine Denkanstöße.

Und auch wenn im selbstreferenziellen „The Troubadour‘s Green Room“ eine Ladung Resignation mitschwingt… ein Troubadour kann nicht anders als auch darüber zu singen. Zu empfehlen für Indie-Noise-Rock-Fans von klugen, witzigen Texten und schönen Melodien. Selten klang eine Existenzkrise so feierlich und aufgekratzt.

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