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Irrsinniges, perfekt inszeniertes Genregulasch auf allerhöchsten Niveau – ein Ungeheuer von einem Album.

Vö: 27.08.2018 Long Branch Records iTunes LP kaufen

The Hirsch Effekt haben die „Holon-Trilogie“ (2010 – 2015) abgeschlossen und schicken im August 2017 das unglaubliche, ungeheuerliche, krasse und unfassbar intensive Eskapist in den Ring.

Wer sich bereits mit der Band beschäftigt hat, ist sich bewusst, dass hier drei hochversierte Techniker minutiös durchkomponierte Stücke auf den Hörer loslassen, die man unmöglich als Hintergrundmusik laufen lassen kann.

„Eskapist“ benötigt die ungeteilte, absolute Aufmerksamkeit, man muss sich darauf einlassen, um vollends eintauchen zu können. Auf einem grundsätzlichen Prog/Math-Fundament wird hier eine kaum zu begreifende Atmosphäre aus Spielfreude, gepaart mit Raserei, Wut, Verzweiflung und blankem Wahnsinn generiert, die zwangsläufig offene Münder hinterlassen wird. Ich bin nach mehreren Durchläufen geschüttelt, beeindruckt und auch ein wenig beschämt, dass ich nicht mehr Zeit mit Instrumenten und Musiktheorie verbracht habe.

„Lifnej“ steigt direkt mit brutalem Geknüppel und Geschrei ein, es herrscht Mathmetal mit schnellem Gitarrengefiedel, teils doppelstimmig, später drei- und mehrstimmig. Sofort fällt der einzigartige, deutschsprachige Gesang auf, der in diesem Genre ja nun wirklich nicht häufig anzutreffen ist.

Warum nur tu‘ ich mir das an?“ fragt uns die Stimme brüllend. Naja, weil Du es ganz offensichtlich gut verpacken bzw. kompensieren kannst.

Die Brutalität steigert sich bis fast zur Schmerzgrenze, bis der zutiefst epische, mit cleanem, aber unglaublich kraftvollen Gesang einen recht kurzen Moment des Begreifens verschafft. Es tauchen immer neue Muster auf, der knackig slappende Bass und das Drumpattern erinnern ein bißchen an mittelalte Faith No More, bis ein stimmiger Akustikpart mit schweifenden Tönen und Glöckchen erscheint und kurz Harmonie vortäuscht, bis es wieder ordentlich knallt.

In „Xenotophobia“ wechselt sich cleaner Gesang, mit treibenden double bass Attacken und tiefen Death Metal Shouts oder keifendem Geschrei ab. Ein Part ist mit einem das „R“-rollenden, sehr tiefen Rammstein-Gesang unterlegt und lässt mich kurz stutzen, vor allem weil ihn eine Flöte begleitet, die auch in einem weiteren Akustikpart weitermachen darf und dann doch wieder von röchelndem, druckvollen Geschrei umgewalzt wird. Mathcoreanfälle mit Flüsterparts führen zu einem cool oldschooligen Schreddersolo, die Flöte spielt zum Ausklang. Irrsinnig, aber absolut großartig.

„Natans“ wartet mit Orgelsounds und hohem Gesang vor dramatischen Soundscapes auf, das fette Bass- und Drumgespann treibt das Stück an. Gefühlte tausend Ebenen, abrupte Taktwechsel, neo-proggige Anteile und ein sich selbst überlagernder, brutaler Harmoniegesang schaffen eine wunderbare Stimmung. Ein Post-Rock-Part leitet das Stück aus und nach dem leicht bekloppten Interlude „Coda“ erscheint das atemberaubende „Berceuse“ mit seiner latent im Gehörganz klebenden Melodie im Postrockmantel. Epischer bis zur letzten Note gehört es zu den jetzt schon unvergesslichen Stücken des Albums.

Recht kurz fallen der brutale Metalklopper „Tardigrada“, der wieder (zumindest zur Hälfte) einen überaus harmonischen, eingängigen Refrain hat, das schräge Streicherteil „Nocturne“ und das krasse „Aldebaran“ aus. Letzteres besteht aus ultraschnellem Geprügel und wieder auf anderer Ebene dargebotenem Geschrei. Kurzzeitig rastet hier alles und jeder einfach nur aus und reißt alles mit. Tonnenschwere Riffs geben kurz Zeit zum Verschnaufen, bis ein fast schon klassischer Hardcorepunk-Part mein Gemüt erfreut.

Das vorab im Netz veröffentlichte „Inukshuk“ ist gar nicht mal so stellvertretend für „Eskapist“. Eher elektronisch, stampfend und wabernd geht es hier zu, es tropft anfangs wie frisch erwärmtes Wachs aus den Lautsprechern. Die hohe Stimme ist zurück, es kommt ein Rockriff angeschlichen, Chöre ertönen im Hintergrund, die etwas artifizielle Stimmung bleibt erhalten. Ein absolutes Highlight, voller aufrüttelnder Dynamik und immer extremer werdenden Parts, einfach nur hervorragend!

„Autio“, ein kurzes Klavierintermezzo mit Gebrumm und Geplätscher, melancholischer Melodie und wubbernden Synths leitet zum Beinahe-Viertelstünder „Lysios“, der erst kratzig vor sich hin kriecht, sich aber dann stetig zu einer mächtigen Walze aufbaut. Es grooved metallisch, es wird unglaublich tief gegrowled, bis ein Werbespot für ein alkoholisches Getränk, unterlegt mit Fahrstuhljazz auftaucht und schon eine gewisse Verstörtheit hervorruft. Der Jazz bleibt noch eine Weile, vertrackt und dudelig, bis wieder in Grindmanier geknüppelt wird. Zwischendrin singt eine sturzbetrunkene Gitarre stoisch ihr Lied, bis doomige Brummriffs neue Akzente setzen.

Das abschließende „Acharej“ darf gerne als Ballade bezeichnet werden und zeigt erneut, was The Hirsch Effekt für einen unglaublich wandelbaren Sänger haben. Hohe Töne, schon in Richtung Falsettgesang, kraftvoll ohne Ende. Das ruhige Stück am Ende wirkt nach den vorigen elf Eskapaden wie eine verdiente Belohnung. Welch unglaublich krasses Album!

Die Texte sind überaus aktuell und sozialkritisch, man muss sich zeitweilen nur arg anstrengen um sie zu verstehen.
Die Aufmachung und Qualität der mir vorliegenden Doppel-LP kann sich übrigens mehr als nur sehen lassen. Die schweren, wertigen LPs stecken in messerscharf bedruckten Innenhüllen und in einem stabilen Gatefold. So und nicht anders geht das!

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