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Aus den Trümmern meiner Jugend zerschlägt sich die Ruine meiner Kindheitshelden.

Eine kleine Mémoire an The Mars Volta.

The Mars Volta waren meine Kindheit. Ja, während andere sich in Krämpfen zu Britney Spears oder den Backstreet Boys flüchteten, saß ich in der fünften Klassen ganz hinten und zerfraß mich in experimenteller Musik und Misanthropie. Die Quelle meiner sozialen Unverträglichkeit war At the Drive-In. Als ich das erste Mal auf die „Relationship of Command“ gestoßen bin, war die Post-Hardcore-Legende schon nur noch Asche. Ich war neun Jahre alt, als die „De-loused in the Comatorium“ erschien und ich wusste noch nichts über Musik. Erst als ich dann auf die weiterführende Schule ging, entwickelte ich eine Liebe zu sphärischer Musik, denn ich wollte nur eines: anders sein.

Diese Liebe zum Abstrakten entsprang meiner musikalischen Früherziehung via Pink Floyd, Genesis und Yes. Denn mein Vater war Musiker – ein Segen. Während andere meinen Alters erklären würden, dass ihr erstes selbstgekauftes Album vielleicht von Lou Bega oder Blue war, reihten sich bei mir 2006 schon „Frances The Mute“, aber eben auch Kindheitssünden, wie die „When the Sun goes down“-Single der Monkeys ein. Ich verzog und musikalisch wurde ich schwierig. Ich gab meinen konservativen, russischen Klavierunterricht auf und fing an auf einer alten Explorer meines Cousins zu frickeln. Omar wurde eine Gottheit für mich und doch schien es mich über Umwege, die ich nicht weiter erläutern möchte, in die absolute soziale Abgeschiedenheit zu drängen. Für mich gab es nur die pubertäre Ausgrenzung. Ich habe Menschen gehasst und in der Schule wurde ich unbeliebt. Nicht genug, dass ich mich in „The Bedlam in Goliath“ sicher fühlte, ich musste auch die große Klappe beibehalten und wurde der respektlose Rüpel, der das Potential hätte, wenn er wollte.

Der Zenith meiner Zuneigung zu The Mars Volta fand sich schon immer in der Beziehung zwischen Cedric und Omar.

Cedric war für mich ein expressiver Lyriker, der dem Rock’n’Roll nie ganz abschwören konnte. Hierzu eine kleine Anekdote, derer ich auf dem letztjährigen Hurricane begegnete. Cedrics Impulsivität, die mich jahrelang begeisterte, konnte mich auf dem Hurricane-Festival wieder faszinieren, auch wenn ich schon letztes Jahr The Mars Volta irgendwie den Rücken zugekehrt hatte. Er warf mit Mikros, fluchte wie wild und zerstörte Spotlight für Spotlight. Ich war erneut wie gefesselt. Man wird letztendlich ja auch älter und lernt zu differenzieren, da kann man sich nicht immer nur auf progressives Gebrüll fixieren.

Omar war für mich ein Genie, das sich immer treu geblieben ist. Ein Sound-Experiment folgte dem nächsten und seine unglaublicher Geschmack für südamerikanische Einflüsse hat mich immer auf Neueste beeindruckt. Sein Konzert im Gebäude 9 hat mich, inklusive visueller Impressionen, passiven Marihuana-Konsums und der Schönheit Ximena Sarinanas in eine neue Welt eingeführt.

Dann allerdings schwächte meine Begeisterung langsam ab, doch ich sprach nie ein schlechtes Wort über meine musikalischen Eltern.

Sie haben mich schließlich großgezogen, zu dem gemacht, was ich heute bin und mich vieles gelehrt. Einiges davon sind schmerzliche Erfahrungen, doch andere haben mich geprägt und geschmiedet.

Viele Eltern begehen den Fehler weiterzumachen, wenn ihre Erziehungskraft nachlässt. Die Kinder schauen nicht mehr zu ihnen auf und sind nicht mehr mit ihren Eltern auf einer Wellenlänge. Es besteht zwar ein gegenseitiger Respekt, aber sowohl „Octahedron“, als auch „Noctourniquet“ waren für mich der Beweis, dass ich adoptiert wurde. Zweifel überkamen mich und ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Diese Verzweiflung trieb mich lange, bis dann heute die Nachricht kam, dass meine Eltern sich geschieden hätten.

Auch wenn man lange Zeit Distanz gewinnt, tut es weh. Sie haben sich zwar häufig gestritten, doch waren sie doch immer eine feste Einheit. So kommt die Nachricht zwar nicht überraschend, aber dennoch schlägt es meine Kindheit in Ruinen. Ja, ich war sehr jung, als es mit uns anfing und ich huldige sie bis heute. Omar allerdings ist fremd gegangen, also ist diese Trennung ein wichtiger Schritt – denn wo kein Vertrauen ist, ist auch keine Basis für eine Beziehung. The Mars Volta – die Helden meiner Jugend – ich danke euch trotzdem im Namen vieler anderen für alles, was ihr für uns getan habt.

Ruhet in Frieden!

Titelbild: The Mars Volta | (c) Ross Halfin

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