The Revolutionary Army Of The Infant Jesus oder kurz RAIJ – Die revolutionäre Armee des Säuglings Jesu, so der Bandname übersetzt – soll das ein Witz sein?

Der geneigte Musik-Schatzsucher stößt auf diese Band höchstens zufällig in den Tiefen des Bandcamps. Hier finden sich so einige Schätze und etwa genauso viel Skurriles, das am besten gleich wieder in Vergessenheit gerät. The Revolutionary Army Of The Infant Jesus aus Liverpool hingegen ist nicht nur auf jener Musikplattform auffindbar, sondern auch in den Tiefen eines vergangenen Jahrzehnts, als Bandcamp noch „die Garagen im Vorort“ hieß: Vor über zwanzig Jahren hat man von RAIJ (so die gängige Abkürzung) zum letzten Mal etwas gehört und schon damals waren die Liverpooler eher eine Randnotiz. Das neue Album stellt sich damit als wahrer Geheimtipp heraus – zu einer Zeit, in der die Welt ein Album besonders gebrauchen kann, das „beauty will save the world“ heißt.

Der Albumtitel ist ein Statement, das sich vielleicht zufällig als einer der vielen Gegenentwürfe zu dem Terror herausstellt, der sich seit letzter Woche in unserem Bewusstsein breit gemacht hat. Schönheit wird die Welt retten, das impliziert ja schon, dass sie der Rettung bedarf. Die Welt ist auch der Musik auf „beauty will save the world“ inhärent: Die Platte vereint Sounds aus aller Welt, Feldaufnahmen, hypnotische Rituale und Livemusik, die über einen repetitiven Trommelrhythmus mit meditativer Wirkung gespannt werden. Folgerichtig bezeichnen die Tags auf besagtem Bandcampaccount das Album unter anderem als „weird folk“ – das ist treffend. Weird, weil die Klangwelten, die sich ergeben, teils verstörend und sehr düster wirken. Folk, weil dieses Album auf dem Grundprinzip des Folk aufbaut: Man nehme existierende Klänge aus anderen Zeiten sowie anderen Ländern und belebt sie stets in neuer Form wieder.

RAIJ verwendet in diesem Sinne Sprachsamples verschiedener Sprachen, neben Englisch zum Beispiel auch Spanisch und Französisch. Es wird elektronisch verfremdet, ergibt sich dabei jedoch nicht der reinen Dekonstruktion. Es werden Gedichte über die Schönheit rezitiert, teils übersät mit religiöser Symbolik, ohne missionarisch zu wirken. „beauty will save the world“ ist vielmehr ein generelles Manifest für die Schönheit in allen Kunstformen.

Das Weltbild entpuppt sich jedoch nicht als eine Utopie aus Watte, sondern als zutiefst melancholisches Klangmuster: Schwere Pianoklänge werden von bedrückenden Streichermelodien begleitet, die einen in tiefe Trauer stürzen können. Der Sound führt in unaufgeregte, teils psychedelische Klangwelten, manchmal ist da ein bisschen Kitsch, der jedoch nur selten jene Naivität durchschimmern lässt, die in dem Titel zu lesen ist. Nicht zuletzt ist dieser Titel ein Zitat aus Dostojewskis „Der Idiot“. Zitiert wird Fürst Myschkin, der zugleich an Christus sowie an einen naiven Don Quijote erinnert. Im Endeffekt bestimmen wir, ob die Schönheit imstande ist die Welt zu retten, ob Myschkin ein Prophet oder ein Don Quijote ist – „beauty will save the world“ geht schon einmal einen Schritt in die richtige Richtung. Verstörung: ja. Tiefste Trauer: durchaus. Schönheit? Auf jeden Fall!

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