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Ihr wollt wissen, was Punk eigentlich heißt? – The Screwjetz verraten es euch!

Vö: 12.10.2018 Fbp Music iTunes CD kaufen

Punk. Die dazu gehörige Lebenseinstellung und das Aussehen mögen sich im Wandel der Zeit seit den 1970er Jahren mehrfach verändert haben, aber ein Aspekt bleibt größtenteils unverändert: die Musik. Schnell, laut, häufig angepisst, inhaltlich aussagekräftig. Alles Attribute, die trotz mannigfaltiger Subgenres bei jeder Band zu finden sein sollten.

Die Gelnhäuser (das liegt im Südosten Hessens) Formation The Screwjetz nennt ihre Musik „Angry Pop“, aber bereits nach den ersten Takten ihres Debuts wird klar, dass es sich hier um ein kreatives Synonym für Punkrock handelt. Puh, gut so!

Der Titeltrack drückt schon ordentlich und kommt mit Sprenkeln von melodischem Hardcore um die Ecke. Der „persona non grate“ wird schon mehr als deutlich klar gemacht, dass sie hier jetzt nix verloren hat. Gesang und Gitarren erscheinen überaus vielschichtig, beides erfreut durch miteinander verwobene Harmonien, während Bass und Drums ein sattes Fundament bilden.

„Ich will hier nicht weg“ erscheint musikalisch schon wesentlich fröhlicher und erinnert mich ein wenig an melodischen Punk, der in den 90ern gerne mal aus Skandinavien kam. Gedoppelte Gitarrenlicks und Stopps an den richtigen Stellen sorgen für angenehme Aufregung, Chöre für die nötige Fülle. Inhaltlich befasst man sich mit der politischen Richtung, in die sich unser Land derzeit bewegt, wobei man sich hier wesentlich weniger platt ausdrückt, als die meisten Genrekollegen (vor allem auch jene, die sich nach Fertiggerichten benennen).

Fast schon progressiv geht es bei „Unvergleichlich“ zu! Unverzerrte Gitarren, Lyrics mit viel Interpretationsspielraum und Melodien, die sich erst mal im Hintergrund aufbauen, bevor sie uns letztlich doch anspringen. Der knarzende, angezerrte Bass dient hier dankenswerterweise als Politurbremse.

Mit „Honig im Kopf“ gibt es die persönliche Anspielempfehlung des Rezensenten und eines der geilsten Stücke auf „persona non grata“. Ein Feuerwerk an Melodien und Tiefgang, unpeinlicher Pathos und die angebrachte Message an jede, die gerne und häufig in Jugenderinnerungen versinken: Heute ist auch noch alles geil, aber halt anders! Überhaupt klingt das ganz Stück irgendwie angenehm erwachsen und erinnert musikalisch nicht selten an mittelalte Millencolin. Sehr geil!

„Das Schweigen“ fetzt und packt wieder etwas mehr Aggressivität auf’s Gesamtpaket! Die teils recht hohe Stimme legt hier auch deutlich an Druck und wütender Patina zu und ich fühle mich mitgerissen!

Darf Punk Gefühle zeigen? Punk scheißt drauf und tut es einfach.

„Kompass“ ist ein lupenreiner Lovesong und das gefühlvollste Stück auf dem Album. Es ist regelrecht mutig, einen solchen Song auf Deutsch zu singen, aber hier gelingt alles ganz hervorragend. Der zerrende Bass tut auch hier sein Übriges. Aber nun endlich zur Kernfrage. „Ich habe ehrlich keine Ahnung, was Punk eigentlich heisst“ setzt sich eher humoristisch mit der Frage nach punkiger „trueness“ auseinander. Musikalisch ein fröhlicher Midtempo-Rocker mit Potenzial zum Ohrwurm „Punk ist, was in deinem Kopf passiert“, singt Sänger Peter Screwjet und spricht mir wieder mal aus der Seele. Das wieder eher cool-schmalzige „Herzschmerzangelegenheiten“ und das sich erneute mit der guten alten Zeit beschäftigende „Wir laufen weiter“ reihen sich wieder nahtlos in die Reihe fein komponierter Punksongs ein, bis mit dem großartigen „Siegerkind“ der zweite große Höhepunkt des Albums erreicht wird. Perfekt gesetzte Akzente, mitreißende Melodien, wunderbar dezent aufgetragene Chöre im Hintergrund, hervorragender Text, hier stimmt letztlich alles! Bevor mit „Herz aus Gold“ der reichlich mit Harmonien beladene Rausschmeißer abgebrannt wird, steht „Wir treffen uns halb eins an der Tanke Ortsausgang“ erneut für Vergangenes und gegen mürbende Langeweile.

Wir haben es hier mit einem astreinen, deutschsprachigen Punkalbum zu tun, das völlig ohne unsinnige, jugendliche Revolutionsideen und stumpfe Plattitüden auskommt. Man gewinnt eher den Eindruck, als seien hier verspielte Erwachsene am Werk, die ihre Songs mit Herz und Seele anreichern.

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  • 8/10
    Autor Steffen Eggert - 8/10
8/10

Kurzfassung

Wir haben es hier mit einem astreinen, deutschsprachigen Punkalbum zu tun, das völlig ohne unsinnige, jugendliche Revolutionsideen und stumpfe Plattitüden auskommt.

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