Da hat man noch die wunderbar elektrisierenden Songs des vor einem Jahr erschienenen Albums Where the action is im Ohr und Schottlands letzter Rock ’n’ Roller Mike Scott legt tatsächlich direkt das 14. Studio-Album seiner Waterboys nach, mit einer Reihe von Anspielungen und Reminiszenzen sowie der hymnischen und epochalen Vorab-Single My Wanderings In The Weary Land im Zentrum.

Das neue Band-Album Good Luck, Seeker erscheint wie auch Where the action is bei Cooking Vinyl und kommt mit 14 sehr unterschiedlichen aber zum weiten Repertoire eines Mike Scott passenden Songs daher.

Direkt zum Einstieg des Albums bläst Mike Scott den Hörer:innen den Staub aus den Gehörgängen, wenn beim Opener, der zweiten Vorab-Single The Soul Singer, ein Motown-mäßiger, an die guten alten The Commodores-Zeiten erinnernder Bläser-Satz den Song dynamisch startet.

Dann folgt direkt was Mike Scott seit Jahrzehnten so außergewöhnlich macht. You’ve Got To Kiss A Frog Or Two ist ein typischer Mike Scott-Song, wunderbare unaufgeregtes Arrangement und dazu ein – fast schon gesprochene anstatt gesungener – lyrisch anspruchsvoller Text.

Low Down In The Broom, die dritte Vorab-Single, ist laut Pressetext eine Hommage an Bob Dylan und kommt musikalisch und textlich etwas ungelenk und steifbeinig daher. Gut möglich, dass Mike Scott das beabsichtigt hat aber für mich einer der schwächeren Songs auf dem Album. Direkt gefolgt von der unsäglichen Funk-Rock-Mischung in der Hommage an Dennis Hopper, dem unnötigsten und schwächste Song des Albums. Auch Freak Street schwimmt in dem Sog der beiden Vorgänger und kann nicht wirklich überzeugen. Gefühlt besteht der funkige Drum’n’Bass-Song aus einer einzigen Textzeile und bestimmt 200 Wiederholungen zu ein und derselben Melodie. Leider reiht sich auch die Rolling Stones-Hommage Sticky Fingers – ein kurzes Instrumental-Stück – hier ein. Das kann Mike Scott deutlich besser.

Gott sei Dank hat die musikalische Durststrecke mit Why Should I Love You ein Ende und Mike Scott besinnt sich wieder aufs Songwriting. Ein entspannter Rock-Song, der eine Hommage an David Bowie sein soll, mit schönen Melodiewechseln.

Der nach Freak Street zweite von Drum’n’Bass getragene und funky angehauchten Track The Golden Work ist leider wieder einen Ausflug in die mit Verzerrungen spielenden Soundmischungen, die schon beim ersten Mal nicht überzeugen konnten.

Zentral im Album steht das fast sieben Minuten lange My Wanderings In The Weary Land, das aus dramatischen gesprochenen Worten über den Zustand von zerstörten und gefährlichen Beziehungen in der heutigen Zeit und tempo- und melodiereiche Rock-Musik mit voller Band-Instrumentierung besteht. Hier können die Mike Scott-Kollaborateure Brother Paul (Orgel), Steve Wickham (Violine) und Ralph Salmins (Schlagzeug) ihr musikalischen Können und ihre Kreativität voll einbringen. Sicherlich ist dieser Song eine Abwandlung von The Return Of Jimi Hendrix aus dem 1993er Album Dream Harder, aber das tut der Klasse des Tracks keinen Abbruch. Hier zeigt sich wieder die ungebrochene Klasse des Komponisten Mike Scott, der ein solches Rock-Epos elegant und dynamisch erschaffen kann.

Nach so viel Gitarrengewitter gönnt Mike Scott den Hörer:innen eine Verschnauf-Pause und knüpft mit der vierten Vorab-Single Postcard From The Celtic Dreamtime musikalisch an die im Vorgänger-Album überzeugende Erzählung Piper At The Gates Of Dawn aus dem 1908 von Kenneth Grahame veröffentlichten Roman The Wind in the Willows.

Der Titeltrack Good Luck Seeker ist ein solider Rock-Song ohne dass man sich seiner länger erinnern würde. Dieser Song ist handwerklich gut gemacht aber ohne eine echte Inspiration.

Der nächste Track Beauty In Repetition ist ein sehr elektronischer und unkonventioneller Song mit vielen Klangexperimenten, der aber in keinster Weise überzeugen kann. Das folgende Everchanging erinnert musikalisch an die Fischerman´s Blues-Ära, ist aber eher ein Musik-Fragment als ein fertiger Song.

Der finale Album-Track The Land Of Sunset ist wieder ein typischer Mike Scott-Song mit schönem Arrangement und einem inspirierenden Text. Wie in guten alten Zeiten.

Leider merkt man dem neuen Album des inzwischen 62-jährigen Mike Scott an, dass es in der Zeit der Pandemie fast vollständig im Home-Studio zusammengestellt wurde und er herbei ungeniert auf älteres Studio- und Outtake-Material zurückgegriffen hat, das – passend oder nicht – zu einem Album zusammengesammelt wurde.

Fazit: Das neue Album von The Waterboys kann leider nicht überzeugen, denn trotz einiger guter Songs bleibt angesichts der doch zu vielen mittelmäßigen Tracks ein deutlicher fader Beigeschmack. Ein Album mit so vielen Misstönen hätte Mike Scott vor 10 Jahren, auch angesichts des deutlich besseren erst vor kurzem präsentierten Vorgänger-Albums Where the action is, nicht veröffentlicht.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem Du den Fehler markierst und Strg + Enter drückst.