Anspruchsvolles und minutiös durchkomponiertes Debut einer blutjungen Post-Prog-Band.

LP kaufen Vö: 02.03.2018 The Masturbating Monkey Records

Aschaffenburg, das Bayerische Nizza, am Fuße des malerischen Spessarts gelegen, lebenswert, voller wunderbarer Menschen und außerdem Heimat der Jünglinge von There Will Be Tranquility. Und auch Heimat des Rezensenten, aber das habt ihr euch ja sicherlich bereits gedacht. Das Quartett aus der kleinen Mainmetropole hat just ihr selbstbetiteltes Debut vorgelegt und damit den Grundstein für einen sicheren Platz im Genre gesetzt. Aber von vorne: Das Vinyl erreicht mich in einer Special Edition mit Tote Bag, einigen Beilagen, gegossen in goldschwarzes Plastik. Die Verarbeitung ist edel und ansprechend, da hat sich das Label „The Masturbating Monkey Records“ echt ins Zeug gelegt. Ok, auf den Teller damit!

Das Intro „Ambiguity“ zeigt gleich zu Beginn ein ganz wesentliches Trademark von There Will Be Tranquility, nämlich den Einsatz füllenden Elektrosounds. Ein zweifelsfrei analoges Piano malt eine melancholische Traumsequenzmelodie in den Raum, die von feinen Synthteppichen getragen wird. Ein schwebender Ton leitet direkt zu „Pathetic Creatures“ hin, ein fetter, versiert bedienter Bass fundiert das erste Klangmuster. Der Gesang ist ruhig, voll und durchaus angenehm, er klingt frisch und unverbraucht und ein gewisses Charisma lässt sich keinstenfalls verleugnen, gelegentlich gedoppelte Parts untermalen das Geschehen. Kurze, derbe Rockausreißer rütteln an der Stimmung, proggige Gitarrenparts erinnern positiv an Bands wie Dredg oder Muse und obwohl ständig Fahrt aufgenommen wird, bleibt ein melancholischer Unterton bestehen. Die aberwitzigen Drumparts von „Convalescence“ und ein besser greifbares, aber doch recht vertracktes Riff markieren den endgültigen Einstieg in den Sound der Band. Die Gitarren sind mit Effekten geschmückt, ständige Elektroeinspieler kreieren ein angenehmes Chaos. Classic-Rock Licks und ein slappender Bass, Stimmungs- und Akkordwechsel sorgen für Anspruch und Abwechslung im Song. Reminiszenzen an Post- und Alternativerock der 1990er Jahre sind deutlich spürbar. Man denkt an Incubus oder mancherorts auch an Größen wie die Stone Temple Pilots.

„Act Of Strangers“ beinhaltet weniger unterschiedliche Muster und wirkt etwas gemäßigter. Es klimpert eine schräge Melodie, die Stimme erscheint ungewohnt hoch, aber im Kontext durchaus passend. Im Hintergrund schichten E-Piano- und Orgelklänge Klangwände auf, bis eine fette, kratzige Gitarre die Oberhand gewinnt. Vertrackte Drumpatterns passen sich ein, die Gitarre spricht die eindeutige Sprache des Post-Rock und alles wird zu einem undurchdringlichen Progpart zusammengefasst. Besonders eingängig ist die Musik nicht, das muss man sagen, aber das erwarte ich auch nicht von einem Album, das mir als progressiv angepriesen wird. Was passiert zwischenzeitlich im Limbus? (Chapeau für den Titelnamen) Geile, fuzzige Elektrobeats, klimpernde Gitarre, die klare Stimme und dezente Keyboards. Leichte, gewollt schiefe Akzente, zwei Gitarren die eine völlig unterschiedliche Sprache sprechen und sich doch verstehen, unzählige Trommelschläge und ein Sänger der kurz aus sich heraus geht und eine ordentliche Verzerrung in die Stimme legt. Rhythmuswechsel und Stopps machen „Meanwhile in Limbo“ spannend. Das folgende „A New Name“ kann man getrost als Höhepunkt der Scheibe bezeichnen. Irgendwo zwischen allen bereits beschriebenen Spielarten des progressiven, anspruchsvollen Rock, werden hier erstmals verschrobene, psychedelische Momente heraufbeschworen, die dem Quartett ganz hervorragend zu Gesicht stehen. Die Musik ist vielschichtig und wirkt wirklich durchdacht und durchkomponiert. Die Jungs haben alle ihre musikalischen Hausaufgaben gemacht. Vor allem der Part, in dem der Bandname skandiert wird, ist der eigentliche Zenit des Albums. Beschwichtigend schließt There Will Be Tranquility mit „Litore“, einem lupenreinen Post-Rock Stück. Effektverliebt, deutliche Bassakzente, fette, wabernde Synth-Sounds, fühlig und versöhnlich, bis letztendlich Bass und Drums, unterstützt von Delayparts noch für ein kurzes Aufbäumen sorgen und das Klavier vom Anfang die Tür sanft hinter uns schließt.

Wie mir gesagt wurde, handelt es sich bei den Herren um noch wirklich junge Musiker um die 20, was man – Hand aufs Herz – auch hört. Allerdings soll dieser Aspekt in keiner Weise negativ gewertet werden, er verleiht der Musik lediglich ein jugendliches Antlitz und ich freue mich jetzt darauf, ihm bei reifen und älter werden zu zusehen. Die nächsten Heimspiele werde ich auf jeden Fall besuchen.

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  • 8/10
    Autor Steffen Eggert - 8.0/10
8/10

Kurzfassung

Ein feines, durchdachtes Post-Prog Werk in dem ohne Zweifel jede Menge Herz steckt.

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