Komplexe Leichtigkeit zwischen Emo- und Mathcore.

LP kaufen Vö: 29.01.2018 Big Scary Monsters

Die Tiny Moving Parts aus Minnesota sind ein kleines Phänomen. Das Trio schafft es immer wieder, dem geneigten Hörer für den Zeitraum von gut einer halben Stunde trockene Lippen zu verschaffen. Der Effekt tritt nämlich gerne dann auf, wenn ein Mund für geraume Zeit offen steht und vor lauter Verzückung automatisierte Körperfunktionen einfach ausgeschaltet werden. Nicht, dass die Band hier ein Genre definiert oder die Musik neu erfindet, die entsprechenden, etablierten Trademarks sind allesamt vorhanden. Aber hier wird einfach ein kreatives und technisch versiertes Feuerwerk gezündet, das einen aufgrund der Spielfreude und des musikalischen Anspruchs mit den Ohren schlackern lässt. „Swell“ macht genau da weiter, wo „Celebrate“ 2016 aufgehört hat.

Die Songs bestehen wie üblich aus einem fetten und melodischen Emocore-Fundament, ungewöhnlichen vielen Riffs und irrwitzigen Math-Einlagen von Sänger und Gitarrist Dylan Mattheisen. Wer schon einmal die Gelegenheit hatte Tiny Moving Parts live zu erleben, weiß auch, dass es der Frontmann meisthaft beherrscht, zu singen und gleichzeitig seine frickeligen Gitarrenparts zu spielen. Auf „Swell“ befinden sich regelrechte Hymnen, wie das einleitende „Applause“, das erahnen lässt, dass sich auch einige Wurzeln der Band am Punk genährt haben. Neben handfesten Ausbrüchen mit typischem, emotionalen Gebrüll, gibt es auch gleichermaßen viele Gesangsparts und auch gelegentliche Ruhepausen. Vor allem bei „Smooth It Out“ und „Whale Watching“ wird die Aggressivität der Stimme für einige Momente auf ein Mindestmaß reduziert und eher erzählt als gesungen bzw. gebrüllt. Bei einigen Songs („Feel Alive“ oder „Caution“) gibt es weibliche Gastvocals, die allerdings sehr dezent den Leadgesang unterstützen und als feine Highlights wahrgenommen werden.

Immer wenn man glaubt, eine Wiederholung vernommen zu haben, dreht der Wind und es erscheinen wieder völlig andere Parts. Es wird gestoppt, die Geschwindigkeit reduziert oder erhöht, es wird mal kernig, mal harmonisch, aber eines wird es nie: langweilig. Ich bin ja normal nicht der erklärte Fan von Alben mit kurzer Spielzeit, aber hier passiert in kurzer Zeit so viel, dass es gar nicht länger gehen dürfte. Die Stimmung ist dabei durchwegs positiv, man kann sagen, die Sonne scheint auf allen zehn Stücken. Das absolute Highlight befindet sich im Albumabschluss in Gestalt des Knallers „Warm Hand Splash“, in dem alle vorangegangen Qualitäten des Albums noch einmal auf der großen Bühne erscheinen und eine völlig überraschend auftretende Trompete den Stargast mimt.

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