Cargo-Vinylaktion

Es sind nunmehr fast drei Jahre vergangen seitdem das rote Album der Gruppe Tocotronic erschien. Nach ausgiebigen Tourneen schlossen sich die Musiker ein um einen neuen Meilenstein zu ihrem 25-jährigen Jubiläum zu erschaffen – „Die Unendlichkeit“. Ein Titel der schon vermuten lässt, dass die Tocos auch auf ihrem zwölften Album einige Überraschungen bereithalten. Angekündigt wurde das Werk als eine Art Autobiografie, die einzelnen Titel beziehen sich auf verschiedene Schaffens- und Lebensphasen der Band.

LP kaufen Vö: 26.01.2018 Vertigo

Wie bei fast jeder Neuveröffentlichung von Tocotronic hatte ich Bedenken als ich die Vorboten des neuen Albums zum ersten Mal hören konnte:„Hey Du!“ und„1993“, die Songs wurden als Doppelsingle veröffentlicht und boten einen ersten Einblick auf das Meisterwerk, welches am 26. Januar endlich erscheinen wird. Da die Band sich auf für jede Veröffentlichung in einer gewissen Art und Weise neu erfindet bin ich anfangs immer recht skeptisch, überrascht und schwer zu überzeugen. Nach einigen Tagen stellen sich die Bedenken aber jedes Mal aufs Neue als unbegründet heraus, die Alben reissen mich mit, ich höre tagelang kein Anderes als „das Neue“ von Tocotronic, eine Angewohnheit, die ich wohl nie ablegen werde.

Seit mehreren Jahren schon machen sich Tocotronic wie es scheint sehr viel Gedanken mit welchem Stück sie ihr neues Album eröffnen werden, eröffnen sie auch jedes Konzert der passenden Tour mit eben diesem Song. Für mich persönlich haben sie mit „Eure Liebe tötet mich“ von „Schall und Wahn“ die Messlatte recht hochgelegt, nach wie vor einer der besten Opener. Den Auftakt auf Platte Nummer zwölf macht der Titeltrack, „Die Unendlichkeit“, in dem sich Tocotronic direkt von einer neuen Seiten zeigen. Verträumte Parts die orchestral unterstütz werden und von Delay nur so strotzen teilen sich den Raum mit schweren, verzerrten, nahezu schon doomigen Passagen. Passend dazu zitiert von Lowtzow das bekannte Adynaton eines animierten Astronauten, „bis in die Unendlichkeit und noch viel weiter“. Schnell ist klar, dass die Band ihren Sound abermals neu definiert hat, so durchdacht und konzeptionell klangen Tocotronic noch nie.

Die Wucht dieses Stückes stellt sich kurz in die Ecke, folgt ein durchaus entspannterer Song der schon fast einer Produktion von Kevin Parker ähnelt, wozu das Zusammenspiel von Jan Müller und Arne Zank einiges beitragen. Eben diese Harmonie tut dem Album oft noch überaus gut. Schätzungsweise befinden wir uns momentan irgendwo Anfang der 90er, eine Liebeserklärung an die elektrisch verstärkte Gitarre, eine Hommage an Sonic Youth wenn es heißt „Ich ziehe mir den Pulli vorm Spiegel aus Teenage Riot im Reihenhaus“. Im Vorboten „Hey Du“ finden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Großteil der HörerInnen wieder, das Dorf, die Kleinstadt, deren Bewohner und Peergroups. Das ungewohnte Erscheinungsbild als Magnet für Gewalt, Bedrohungen und Beleidigungen. Es fällt positiv auf, dass Rick McPhail wieder öfters in Versuchung gerät den Fussschalter seiner Fuzz Pedale zu betätigen. Eines der Highlights wird von der Doppelsingle umklammert, „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ erinnert an die Anfangstage der Gruppe, jedoch in einem gänzlich anderen Soundgewand, welches dem von Teenage Fanclub oder auch Pavement angenehm gleicht. Noch ein paar Schritte zurück, „1993“, Tocotronic werden gegründet, Dirk von Lowtzow zieht aus der Schwarzwaldhölle, der Diaspora, in den Norden nach Hamburg und tut sich mit Jan Müller und Arne Zank zusammen. Unvorstellbar, dass all das schon ein viertel Jahrhundert zurück liegt. Dass „Die Unendlichkeit“ mit Sicherheit nicht durchgehend ein fröhliches Album ist, wird oft klar. „Dein Tod war angekündigt, das Leben ging dir aus, unwiederbringlich schlich es aus der hinaus.“ So persönlich klangen Tocotronic noch nie, lediglich konnten Vermutungen angestellt werden, denken wir an „Ich öffne mich“ oder auch „Jungfernfahrt“ vom roten Album zurück. „Bis uns das Licht vertreibt“ lässt annehmen, dass die Stücke dieses autobiografischen Albums auch nahezu perfekt für eine verfilmte Version dieses Epos dienen könnten. „Ich laufe hier wie irr herum und rauch die zehnte Zigarette innerhalb der halben Stunde die mir bleibt“, Dirk läuft auf diesem persönlichen Album zu lyrischen Höchstformen auf und gibt so viel preis wie nie zuvor. Sobald es wieder ein wenig ruhiger zugeht wird es zugleich nochmal rätselhafter. Wer ist gemeint, wenn es heißt „du bist nicht schön, doch auch kein Biest, vielleicht etwas dazwischen was noch nicht bezeichnet ist.“ „Ausgerechnet du hast mich gerettet“, eine Person? Berlin? So richtig klar scheint es mir nicht, wobei genau das einer der Punkte ist wieso ich Tocotronic so schätze.

Die verschiedenen Phasen der Band sind in einer äußert interessanten Art und Weise dargestellt, logischerweise durch musikalische Anlehnung, durch Zitationen aber auch durch den Einsatz der Stimme. Klingt diese bei „Hey Du“ und „1993“ noch heller und kratziger, ist sie bei „Mein Morgen“ so kraft- und klangvoll wie selten zuvor.

Nach leider schon 45 Minuten ist das Undenkbare doch geschehen, „Die Unendlichkeit“ hat ihr Ende gefunden. Gerne hätte ich den Geschichten aus vergangenen Tagen noch weiter gelauscht, den innovativen Zitaten, lyrisch wie musikalisch. Die Produktion überzeugt in ganzer Linie, passender hätte sie nicht sein können. Die Gruppe Tocotronic ist ganz oben angekommen, für mich zwar schon vor Jahren, doch dieses Meisterwerk wird wohl so schnell nicht erreicht werden.

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  • 9.5/10
    Autor Alexander Koch - 9.5/10
9.5/10

Kurzfassung

Nach leider schon 45 Minuten ist das Undenkbare doch geschehen, „Die Unendlichkeit“ hat ihr Ende gefunden. Gerne hätte ich den Geschichten aus vergangenen Tagen noch weiter gelauscht, den innovativen Zitaten, lyrisch wie musikalisch.

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