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Ich verneige mich vor Tom Blankenberg – „Atermus“ erscheint am 15.02.2019.

Vö: 15.02.2019 Less Records iTunes LP kaufen

Als kleiner Junge, ich erinnere mich noch ziemlich gut, habe ich mir immer gewünscht, dass ich die Zeit anhalten könnte. So wäre ich in der Lage gewesen, schöne Momente endlos auszukosten. Dieser Wunsch war natürlich immer absolut utopisch – dennoch empfinde ich auch heute noch häufig dieses Bedürfnis, unsere schnelllebige Zeit kurz anhalten zu können. Ich brauche dann eine Pausentaste um diesen besonderen Moment länger erleben zu können. Sowas ist natürlich eine Wunschvorstellung… Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Uhr des Lebens ständig läuft und sich nicht stoppen, geschweige denn zurückdrehen lässt. Doch dann entdeckte ich den Pianisten und Sounddesigner Tom Blankenberg.

Tom kommt aus der NRW Landeshauptstadt Düsseldorf und ist bereits seit vielen Jahren musikalisch aktiv. Er spielte vor fast einem Jahr ein kleines Wohnzimmerkonzert in Essen und ich war Gast dieser besonderen und außergewöhnlichen Veranstaltung.

Als Tom Blankenberg damals die ersten Akkorde auf dem Piano spielte passierte es plötzlich: Die Zeit schien stillzustehen.

Die wenigen Zuschauer lauschten bedächtig, teils mit geschlossenen Augen, den sanften Akkorden und den verträumten Melodien dieses außergewöhnlichen Künstlers. Seine Stücke waren für meine Ohren irgendwie fernab jeglicher Struktur. Nichts wiederholte sich. Damit war natürlich absolut kein Wiedererkennungsmerkmal vorhanden. Alles wirkte irgendwie improvisiert und dennoch stellte sich nach den ersten Akkorden dieses unglaublich tiefe Entspannungsgefühl ein. Ich war der festen Überzeugung, dass die Zeit still steht.

Nun habe ich sein Album „Atermus“ vorliegen und das Gefühl ist wieder da. Ich setze vorsichtig die Nadel auf der Schallplatte ab und nach dem Erklingen der ersten Noten scheint die Zeit still zu stehen.

Diese Mischung aus Modern Classical, Ambient, Avantgarde und Jazz, scheinbar ohne Struktur und improvisiert, senkt meinen Pulsschlag binnen Sekunden und ich fühle mich irgendwie schwerelos und frei. Ich kann es nicht fassen. Das oben beschriebene Konzerterlebnis und der Wunsch meiner Kindheit – alles ist plötzlich wieder da. Ich weiß nicht warum, aber ich bin glücklich.

Musikalisch ist das alles wirklich schwer einzuordnen. Man stelle sich vor Ryuichi Sakamoto würde auf dem Piano die eingängigen Stücke von John Coltrane versuchen zu interpretieren. Dabei aber verzichtet er auf allzu komplizierte Melodie- und Taktfolgen. Und dieser Versuch einer Einordnung umfasst die musikalische Größe nicht einmal Ansatzweise….Aber genau so wirkt dieses Werk auf mich. Obwohl es sperrig ist, ist es eingängig. Obwohl es auf den typischen Refrain verzichtet, gibt es Ohrwürmer. Eigentlich ist dieses Album ein wundervoller Widerspruch in sich.

„Atermus“ definiert die Maßstäbe der Modernen Klassik komplett neu und verschiebt damit die Grenzen des Genres.

Gäbe es „Progressive Classical“ – Tom Blankenberg hätte diese neue Schublade mit Leben gefüllt. Ich kann und möchte hier nicht einzelne Stücke des Albums besprechen da es diese Rezension im Umfang sprengen würde. Dieses Album ist wie ein Fluss aus klarem, frischem Wasser. Eine Frische, die dem Modern Classical Genre unglaublich gut tut. Die 13 Stücke von „Atermus“ erzählen eine Geschichte in die jeder eintauchen kann. Wer das Gefühl von Zeitlosigkeit und Sinn für Poesie hat, der wird hier seine persönliche Pausentaste finden. Ich verneige mich vor Tom Blankenberg, „Atermus“ erscheint am 15.02.2019. Für jeden Klassik Fan: Pflichtkauf!

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  • 10/10
    Autor Jan Platek - 10/10
10/10

Kurzfassung

„Atermus“ definiert die Maßstäbe der Modernen Klassik komplett neu und verschiebt damit die Grenzen des Genres.

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