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Eingemauert zwischen leistungsorientierten Ausschlussverfahren, in der Realität verkanteten Idealen und von ausgespuckten Kaugummis übersäter Großstadt Tristesse kann man sich schon mal fühlen wie ein unterbezahlter Statist eines überlangen Schwarz-Weiß Films ohne nennenswerte Handlung. Da hilft wohl nur noch das nächste Holi Festival. Oder, wer dem nicht entgehen, sondern entgegentreten möchte: Trouble Orchestra.

Was als sechsköpfige Liveband des „Zeckenrappers“ Johnny Mauser begann, dessen Songs sich zwischen den Goldenen Zitronen und Ton Steine Scherben in der Playlist eines jeden Hamburger Antifa Sympathisanten finden, der etwas auf sich hält, hat sich nach einer gemeinsamen Tour zum gut eingegroovten Riot Kollektiv entwickelt. Mit von der Partie sind Musiker aus den unterschiedlichsten Winkeln der Hamburger Musikszene, wie zum Beispiel Sängerin/Rapperin Marie Curry, bekannt durch das Hip-Hop Projekt Neonschwarz oder Jakob, der momentan mit der Akustikgitarre auf dem Rücken als Zinnschauer durch die Clubs tourt. Außerdem mit dabei: Jonas (Gitarre), Kralle (Bass), Phurioso (Rap) und Sjard (Schlagzeug).

Wer die im Juni über Audiolith erschienene 7″ „Graupausen“ auflegt, merkt schnell, dass die Sieben auf einen Streich nicht zum wahllos Farbe in die Luft pusten aufgelegt sind: Mausers Rhymes sind clever und direkt, riechen nach Farbe, mit denen man auf Transparenten malt. Schnörkel machen hier Platz für zackige Indie Riffs, die genau wissen, wo sie hinwollen und sich stellenweise ballen wie gereckte Fäuste:

Der Titelsong der 7″ sagt der Eintönigkeit in Stadt und Psyche den Kampf an: Reclaim your City / Schreib es groß an jede Wand und / Reclaim your Heart / Das geht Hand in Hand. Ein von poppigen Beats getriebener Aufruf zur Eigeninitiative, der sich aufschwingt zum dynamischen Refrain: Graue Mauern, dicht gebaut / haben immerhin noch Platz für meine Farben. Holi Shit, so funktioniert DIY!

Der zweite Song „Halt Dein Mund“ ist eine Neuauflage eines Mauserklassikers, der hierzulande von keiner antinationalistischen Demo wegzudenken ist. Unermüdlich bellt Egotronics Torsun sein „Raven gegen Deutschland“, während das Orchestra die Zwischenräume mit aggressiven Akkorden, musikalischen und verbalen Paukenschlägen füllt und eine unmissverständliche Kampfansage formuliert: Halt dein Mund und denk nach was du sagst / Denn auf Staaten kann man nicht stolz sein. Klarer kann ein Statement gegen heimeliges schwarz-rot-gold Geschunkel kaum sein.

Trouble Orchestra liefern die Grau/Blaupause für musikalischen Aktivismus, der über ein paar wütend dahingeschrammelte Akkorde hinauswächst und die viel zu oft gehörte These einer Generation, deren Horizont innerhalb der Grenzen eines iPads gefangen bleibt, quasi nebenbei erledigt. Wurde auch mal wieder Zeit.

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