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„Keine Profite mit der Miete!“ „Kein Mensch ist illegal!“ „Gegen Polizeigewalt und die deutsche Asylpolitik!“ Mit den Transparenten, die innerhalb der letzten Monate durch Hamburgs Straßen wehten, ließe sich wohl mehrfach das gesamte Rathaus tapezieren und in ein Abbild der roten Flora verwandeln. Das es damit noch lange nicht getan ist, proklamieren die sechs Hamburger von Trouble Orchestra auf ihrem Debut „Heiter“.

Jakob, Jonas, Kralle, Phurioso und Sjard sammelten sich 2012 als Live Band um den „Zeckenrapper“ Johnny Mauser, dessen vorlaute Rhymes jedem versprühten Kubikmeter Tränengas auf Demonstrationen hochkonzentriertes Contra geben:

Attention / Ihr seid gegen Menschen / Menschen die mal denken / Menschen jetzt bekämpfen / Und wenn schon / Macht euch nicht ins Hemdchen / Ihr habt doch Knäste / Und wir wollen nur das Beste.

Aus dem losen Verbund wurde schnell mehr: Ein eingespieltes Kollektiv, deren Mitglieder in den unterschiedlichsten Winkeln der Hamburger Musikszene verwurzelt sind.

Was die Sieben neben musikalischer Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude verbindet, reimt sich auf „Weiter“ und steht im Titeltrack in einen handlichen Ohrwurmrefrain verpackt an erster Stelle des Albums: Missstände nicht als Anlass zur Resignation und Isolation zu begreifen, sondern zivilen Widerstand als Spielwiese neuer Möglichkeiten und Utopien zu nutzen.

Die schwungvollen Parts des Debuts verbinden herausfordernden Rap mit aufgekratzten Indie-Gitarren und laden ein zum Gummitwist zwischen brennenden Mülltonnen, zum Tanzflashmob im Supermarkt:

Immer im Rausch / Und wenn es regnet / Dann gehen wir raus / und schrein in die Welt wie schön sie ist.

Hinter dem „Reclaim your City“ Titel Graupausen, der über Audiolith bereits als 7“ erschien, lauert das leichtfüßige Instrumental „Interlude“, das die spritzige „Immer heiter“ Attitude des Rabauken-Orchesters den folgenden düsteren Songs entgegenstellt.

„Stadt am Meer“, „Angst“ und „Nussschale“ sind nur einige der Tracks auf „Heiter“, die dem apokalyptisch anmutenden Cover des Albums gerecht werden. Zwischen wütenden Kampfansagen an System und Alltagstristesse stapeln sich Selbstzweifel, Unsicherheit und Angst:

Die Angst macht Räume / Und die Macht macht mir Angst / Mir bleibt nichts außer zu begreifen / dass ich nichts greifen kann.

Mausers und Phuriosos Rap Parts erzählen bildstarke Kurzgeschichten, deren Protagonisten umher irren zwischen Euphorie und Einsamkeit. Häufig erzählen sie von Wendepunkten und Selbstreflexion, der Umsteigestation zwischen gestern und morgen.

Das emotionale Gefälle spiegelt sich wieder im Kontrast zwischen gereimten Beschwörungen, Affronts, Monologen und den von Jakob gesungenen Refrains, die in ihrer Eingängigkeit und Harmonie Potential für Trouble Orchestra Spieluhren als neuartige Merch-Artikel bieten. Sie spannen sich großflächig über die Vielfalt der Metaphern und Themen, die 35 Minuten Trouble Orchestra heraufbeschwören und halten zusammen, was auf „Heiter“ manchmal zu weit auseinanderzudriften droht.

Ha, was das schon wieder sollte / ich bin anders drauf / misch mich unter die Leute / mach das Richtige im Falschen / und bewunder die Wolken / werd euch weiter verarschen / zusammen mit meinen Freunden.

Trouble Orchestra sprühen ihre Botschaften ohne Schablonen auf die Bildfläche der deutschen Musikszene. Nach Art der Kommunikations-Guerilla hier und da ein bisschen schief und „verzogen“, aber gerade deswegen „immer heiter“.

01 Heiter
02 Graupausen
03 Interlude
04 Stadt Am Meer
05 Flirren
06 Funkeln
07 Angst
08 Menschen
09 Nusschale
10 Verzogen

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