In der heutigen Zeit ist alles sehr schnelllebig. Menschen kommen und gehen, viele vergessen wir auch einfach oder wollen sie vergessen. Was aber, wenn wir vergessen müssen, weil wir nicht anders können? Was, wenn wir nach und nach uns selbst vergessen? Typhoon beschäftigen sich auf ihrem neuen Album mit genau diesen Gedanken.

LP kaufen Vö: 12.01.2018 Roll Call/House Arrest

Listen. About the things you’re about to loose. This will be the most painful.

„Wake“ eröffnet nach einem kurzen Intro das Album mit ruhigen verhallten Gitarren. Der Protagonist der Geschichte wacht eingenässt in seinem Bett auf und versteht nicht, was mit ihm los ist. Das Leben wird für ihn langsam zur Spirale, aus der er nicht mehr herauskommt. Gegen Ende nimmt der Song an Dramatik auf, Geigen und ein Chor kommen dazu und steigern sich ins Unermessliche, um dann plötzlich in das nächste Stück überzugehen.

„Rorschach“ wurde schon im Vorfeld mit einem Video veröffentlicht. Das recht entspannte Stück behandelt erste klare Anzeichen für ein ernsthaftes Problem der Hauptfigur. Er ist nicht mehr richtig in der Lage, seine Eindrücke zuzuordnen. Gegen Ende nimmt das Lied etwas an Fahrt auf und angezerrte Gitarren kommen zum Vorschein, und auch das Tempo steigert sich ein wenig.

And I’m trying to stay sane – meanwhile, the river of forgetfulness starts spilling the banks.

In “Empiricist” fängt der Mann, dessen Geschichte erzählt wird, an, sich in Situationen zu begeben, die er nicht ganz verstehen kann. Erste Orientierungslosigkeit kommt auf und seine Mitmenschen nehmen Notiz hiervon. Das achtminütige Stück ist in zwei Abschnitte geteilt. Während der erste noch recht melancholisch aufgebaut ist, vermittelt der zweite ein wohlig-warmes Gefühl, ähnlich des Vergessens, dass sich langsam über den Hauptcharakter erstreckt.

One day your children find you, locked in the bathroom, staring in horror at the reflection of your face. You say you’re sorry to the guests at your party. But you can’t help wonder, who is this person you celebrate? And so the light fades. It’s still your birthday. Blow out your past lives like they’re candles on the cake.

„Algernon“ beschreibt ein Treffen mit der Hauptfigur und einer Frau. Er bekommt von ihr Bilder gezeigt, auf denen sein Vater, aber auch er selbst abgebildet sind. Während er seinen Vater erkennt, kann er nichts mit dem Bild von sich anfangen. Er versucht dies zu vertuschen, hat aber keinen Erfolg. Die Situation ist anstrengend für ihn und er wartet auf seine Frau, die ihm schon die ganze Zeit gegenüber sitzt. Das Stück ist bewusst sparsam instrumentiert, fast schon intim. So werden die eindringlich vorgetragenen Zeilen passend begleitet.

It’s unusual, I know. I must be losing my mind. It’s cruel and unusual. Can’t tell the punishment apart from the crime.

Im zweiten Kapital der Geschichte, eröffnet mit “Unusual”, beginnt der Hauptcharakter sich mit seiner Situation abzufinden. Ängste kommen auf und auch Verzweiflung macht sich bemerkbar. Musikalisch wird das Lied getragen von sanften Gitarrenklängen, begleitet von Streichern und Trompete. Die Melodien sind tragend und verstärken die Emotionen bestens. Gegen Ende zeigt die Band dann zum ersten Mal richtig, dass hier teils bis zu elf Musiker gleichzeitig am Werk sind. Unglaublich, wie breit der Gesamtklang wirkt, in kurzer schöner Part, der plötzlich in das lyrische Thema des Kapitels übergeht, das sehr eindringlich vorgetragen wird.

This is the wine. Drink, untrouble your mind with it. Don’t you remember? When knowledge was tied to a consanguine kindness. Or don’t you remember? No, you cut it all out with the scalpels of doubt. You know this was your failure.

„Beachtowel“ beschreibt Erinnerungen, die die Hauptfigur noch in sich trägt. Ruhige Klänge begleiten diese, bestehend aus Gitarre und Klavier, was ein wunderschönes Gesamtbild abliefert. Gegen Ende setzt nochmal ein Geigen- und Glockenspiel ein, welches von unverständlichen Worten begleitet wird. Das Abdriften in das Gedankenchaos wird deutlicher.

„Remember“ ist ein klassisch rockiges Lied, welches leicht chaotisch wirkt, aber einen klaren Faden erkennen lässt. Der Frauengesang gegen Ende unterstreicht dies. Im Text werden Ereignisse im Heim des Protagonisten beschrieben, die er sich selbst nicht erklären kann. Alles ist durcheinander.

I am lying down. In the neighbors lawn. In my swimming trunks. With the sprinklers on.

“Mansion” beendet das zweite Kapitel sehr andächtig. Wenige Worte und Akkorde auf der Gitarre sagen alles, was der Hauptcharakter durchlebt.

Frauengesang leitet das dritte Kapitel mit „Coverings“ ein. Die Angst, die Gesichter der Geliebten zu vergessen, macht sich bei der Hauptfigur breit. Eine sehr zurückhaltende Instrumentierung, die teils auch Geigen beinhaltet, begleiten den Gesang.

I’d let you off the hook but by now you and I should know. We’re involved in something irreversible. They say nothing survives. But in the case we do.

Die Angst zu Vergessen wird allmählich größer. Ein Zwischenfall bringt den Protagonisten in eine ausweglose Situation. Es gibt kein Zurück mehr. Die Erinnerungen werden zu Schwarz-Weiß-Malerei und es ist klar, dass dies nicht rückgängig gemacht werden kann. „Chiaroscuro“ ist wieder sehr ruhig gehalten, im Gegensatz zu den dramatischen Ereignissen, die hier beschrieben werden.

„Darker“ beginnt sehr entspannt mit einem bluesigen Basslauf und Geigen. Noisige Gitarren kommen auf, werden zurückgefahren, aber sind immer wieder zu vernehmen. Der Tod wird immer präsenter für die Hauptfigur.

How long can I keep this tired act together? It’s one short ambulance ride and then the waiting room forever. Tell me how do I make the right move now? Prepare me for the moment when my mind goes out. I am trying hard to follow the sound.

“Bergeron” zeigt sich wieder sehr intim. Das Lied ist zwar breit instrumentiert, aber bleibt trotzdem sehr zurückhaltend. Gegen Ende taucht nochmal der schöne Gesang von Shannon Steele ins Rampenlicht, die als Frau des Protagonisten gute Worte für die traurige Situation findet.

Everyone is a terrorist now. Don’t you know your neighbor? And if there’s any chance of getting out you gotta make yourself remember. All my joys. All my grief. All my bones.Bury me in the floodplains.

“Adriadne” beendet das dritte Kapitel des Mannes, der seine Erinnerungen verliert und in die gedankliche Dunkelheit verfällt. Der Song ist verhältnismäßig druckvoll, wird aber auch immer wieder unterbrochen von Glockenspiel und Geigen. Das Ende rückt nah. Und das wird auch musikalisch mit einigen düsteren Parts zelebriert.

„Sleep“ besteht anfänglich aus Geräuschen und Wortfetzen, bis der 13-Minüter nachmal Fahrt aufnimmt. Die letzten vier Minuten stimmen irgendwie versöhnlich und wirken recht warm. Eine traurige Geschichte ist zu Ende, aber der Hörer soll nicht ganz in der Dunkelheit, die die Hauptfigur umgibt, belassen werden. Ein guter Abschluss für ein großartiges Album.

So long, my sweet. Hope the next time that we meet we’ll be whole, we’ll be weightless, we’ll be free.

Die Band aus Portland, Oregon von der Westküste Amerikas um Singer/Songwriter Kyle Morton hat sich dem Vergessen mit einem in vier Kapiteln unterteilten Werk gewidmet, dass den Hörer in eine Welt der langsam kommenden Dunkelheit führt und ihn dort in die alltägliche Realität entlässt. Das fast 70-minütige Werk ist fordernd, die Emotionen sind überwältigend, die musikalische Herangehensweise ist absolut ehrlich und mitreißend. Typhoon schaffen es mit „Offerings“ ein erstes großes Ausrufezeichen im gerade angefangenen Jahr zu setzen.

Schreibfehler gefunden? Sag uns Bescheid, indem du den Fehler markierst und Strg+Enter drückst.

  • 9.5/10
    Autor Heiko Lüker - 9.5/10
9.5/10

Kurzfassung

Das fast 70-minütige Werk ist fordernd, die Emotionen sind überwältigend, die musikalische Herangehensweise ist absolut ehrlich und mitreißend. Typhoon schaffen es mit „Offerings“ ein erstes großes Ausrufezeichen im gerade angefangenen Jahr zu setzen.

Lade mehr ähnliche Artikel
Lade mehr von Heiko Lueker
  • Kala Brisella

    Kala Brisella – Ghosts

    Irgendwo zwischen Wahnsinn und Unbehagen – Kala Brisellas zweiter Akt. Im vergangenen Jahr…
  • The Screwjetz

    The Screwjetz – Persona Non Grata

    Ihr wollt wissen, was Punk eigentlich heißt? – The Screwjetz verraten es euch! Punk. Die d…
  • Karies

    Karies – Alice

    Karies kommen aus dem in musikalischer Hinsicht virulenten Stuttgarter Umland und gehören …
Lade mehr in Alben

Schreibe einen Kommentar

Auch Interessant

Kala Brisella – Ghosts

Irgendwo zwischen Wahnsinn und Unbehagen – Kala Brisellas zweiter Akt. Im vergangenen Jahr…