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Die Sucht nach dem Extrem: Jacob Bannon benötigt mal wieder ein neues Ventil und lebt sich mit seinem neuesten Projekt namens Umbra Vitae jetzt am oberen Ende der Härteskala aus.

Vö: 01.05.2020Deathwish, Inc.Bandcamp

Warum Shadow Of Life bei aller klanglicher Negativität trotzdem im Kern positiv ist und was Georg Heym damit zu tun hat.

Georg Heym, deutscher Lyriker und Vorreiter des Expressionismus, kam im Alter von von nur 24 Jahren ums Leben. 1912, ein Jahr nach seinem Tod, erschien posthum ein Gedichtband unter dem Namen Umbra Vitae (dt. “Schatten des Lebens”).

Das gleichnamige, eröffnende Gedicht diente Jacob Bannon als Inspiration für sein neuestes musikalisches Projekt.

Nachdem er auf inzwischen zehn Alben als Frontmann der Hardcoreinstitution Converge die Grenzen zwischen Hardcore, Punk und Metal verwischte und als Mitbegründer des nicht minder legendären Labels Deathwish, Inc. seit zwanzig Jahren für erlesenste Qualität in Sachen anspruchsvoller Härte steht, schlug er 2016 einen neuen musikalischen Weg ein und gründete mit anderen namhaften Musikern (u.a. Hatebreed, Trap Them, Coliseum, The Red Chord) das Post-Metal-Projekt Wear Your Wounds. Die chaotische Härte der Hauptbands wich einem wesentlich ruhigeren Ansatz mit dem Fokus auf repetitive, ausladende Songstrukturen und Klargesang.

Während der Arbeit am letztjährigen Album Rust On The Gates Of Heaven entdeckten die Mitglieder ihre Liebe zu extremer Musik und Death Metal wieder. So formte sich aus dem Grundgerüst um Bannon (Lyrics & Vocals), Mike McKenzie (Gitarre & Vocals; u.a. The Red Chord) und Sean Martin (Gitarre & Vocals Ex-Hatebreed), verstärkt durch Greg Weeks (Bass; The Red Chord) und Jon Rice (Drums; Ex-Job For A Cowboy) schließlich Umbra Vitae, quasi als musikalischer Gegenentwurf zu Wear Your Wounds.

Auf Shadow Of Life herrscht nun unnachgiebige, kompromisslose Härte vor, zusammengebaut aus allem, was die Regale der extremen Musik so hergeben: Vorrangig brutalster Death Metal, angereichert mit Einflüssen aus Grindcore, Black Metal, Sludge und Doom.

Es mag verrückt klingen, wenn man mit seinem Schaffen und dem seiner Hauptband Converge vertraut ist, aber: Mit Shadow Of Life schafft Bannon tatsächlich die härteste Musik seiner Karriere. Wie seit jeher dienen ihm dabei seine negativen Emotionen als Antrieb; die Musik bildet das Ventil, um die Negativität und inneren Kämpfe zu kanalisieren und am Ende eine kathartische Wirkung zu erzielen und damit etwas im Grunde Positives zu schaffen.

Die insgesamt zehn Songs auf Shadow Of Life sind nun Zeugnis dieses Prozesses: Abzüglich des eröffnenden, knapp 50 Sekunden langen Intros Decadence Dissolves, das nur aus unheilvollen Gitarrenklängen besteht, bleiben nur etwas über 25 Minuten übrig für die intensive Seelenreinigung. Ethereal Emptiness gibt die Richtung vor: Brutaler Death Metal in Hochgeschwindigkeit wechselt sich ab mit ultraschweren Moshparts und Bannon zerfetzt sich in gewohnter Manier dazu die Stimmbänder.

Das folgende Atheist Aesthetic beginnt mit Blastbeats und wirkt durch den fiesen Breakdown zum Ende noch etwas brutaler. Durch die prägnante Stimme drängt sich ein Vergleich mit Converge zwar geradezu auf, erübrigt sich aber im selben Moment wieder: Umbra Vitae gehen wesentlich direkter ans Werk, erlauben so gut wie keine Verschnaufpausen (den Doom-artigen Zwischenpart in Return To Zero einmal ausgenommen) und wirken insgesamt weniger verspielt, ohne dass die Arrangements dabei jedoch an Komplexität einbüßen würden. Es reihen sich Blastbeats, Tremologitarren, Nackenbrecherparts und Sludgeriffs aneinander, dass es eine wahre Freude ist.

Wie abartig fies allein Polluted Paradise daher kommt: Mit seinem chaotischen Einstieg und dem infernalischen Gitarrenjaulen wirkt der Song in seinen nur etwas über einer Minute Spielzeit wie direkt aus der Nervenheilanstalt entkommen.

Im Gegensatz dazu warten die zwei mit Abstand längsten Stücke am Ende der Platte: Sowohl das tonnenschwer bollernde Blood Blossom als auch der abschließende Titelsong gönnen sich geradezu epische 4 Minuten. Allerdings büßt besonders Shadow Of Life dadurch etwas an Durchschlagskraft ein und ist mindestens ein Gniedelsolo zu lang. Auf der anderen Seite wirkt das Album dadurch wesentlich länger, als es eigentlich ist. Am Ende staunt man dann doch darüber, dass diese brutale Abfahrt keine halbe Stunde angehalten hat – und das darf ruhig als Qualitätsmerkmal gelten.

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Zusammenfassung
Wo Jacob Bannon seine Finger im Spiel hat, ist Qualität quasi garantiert – Umbra Vitae bildet da keine Ausnahme. Shadow Of Life ist ein ultrabrutaler Wirbelsturm aus Death Metal, Grindcore und Sludge, der in kürzester Zeit über einen hinwegfegt und dabei seine reinigende Wirkung entfaltet – auf die völlige Zerstörung kann der Neuaufbau folgen.
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