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Insgesamt muss ich Vennart attestieren, dass sein Soloalbum wie ein richtig toll produziertes Alternative Rock Album klingt und keinesfalls, wie sonst bei dem ersten Soloalbum, nach Songwriter-Musik mit Akustik Gitarren.

Liebes Tagebuch. Als ich heute, am 8. Dezember 2003 in den Essener Studentenclub KKC kam, freute ich mich wie sonstwas auf Aereogramme, die ihr aktuelles Album „Sleep And Release“ live präsentierten. Es war ein umwerfendes Erlebnis, doch besonders die Vorband Ozeansize riss mich förmlich vom Hocker. Der charismatische Sänger Mike Vennart, der dazu auch noch absolut brilliant seine Gitarre bediente und wie eine Mischung aus Mike Patton und diesem Schönling von der Band Incubus klang, hinterließ einen bleibenden Eindruck. Es ist ja nicht so, dass ich Ozeansize nicht vorher schon auf CD zu schätzen gewußt habe….aber heute….das war einfach nur mächtig………..

So oder so ähnlich hätte wohl mein Tagebucheintrag von damals, hätte ich denn je eines geführt, ausgesehen. Die Stimme des Oceansize Frontman hinterließ wirklich, besonders live, einen bleibenden Eindruck und ich denke noch heute voller Nostalgie an diesen kalten Dezembertag zurück. Fast 12 Jahre ist das nun her und seitdem hat sich eine Menge getan. Oceansize sind längst Geschichte und besagter Mike Vennart, verdient sich heute seine Brötchen als Live-Gitarrist Biffy Clyro. Ich hatte ihn eigentlich als Sänger schon fast wieder vergessen – zu viel neue Musik prasselte in den Jahren auf mich ein.

Doch dann erschien im Februar 2014 plötzlich eine Demoversion eines Songs Namens „Operate“ über seine neue Bandcamp Seite. Ich stürzte mich sofort darauf und plötzlich war das Gefühl von damals wieder da: Diese Stimme….

Wenig später hörte ich von Mike Vennart`s Crowdfunding Kampagne, mit der er versuchte, eine Finanzierung seines neuen Solo Albums sicherzustellen. Durch die immer noch vorhandenen Oceansize-Fans (zu denen ich selbstredend auch gehöre) gelang es binnen kürzester Zeit ein Album aufzunehmen und zu veröffentlichen. Das der Gute dann noch nach Fertigstellung des Albums einen Plattendeal bekam, klingt schon fast wie ein schlechtes Alternative Rock Märchen, aber egal.

Das Album „The Demon Joke“ läuft auf meinem Plattenteller und der erste Eindruck ist folgender: „Nanu, ist mein Amp kaputt oder warum ist der Sound auf einmal so dermaßen leise??“ Der auf dem Cover pappende Aufkleber gibt aber Aufschluss. Das hier, ist laut Vennart ein kaum komprimiertes Album und sollte unbedingt laut gehört werden. Nicht schlecht, so etwas habe ich vorher noch nie bei einem modernen Rock Album gehört. Die leisen Parts sind so unfassbar leise und die lauten bringen die Ohren zum Klingeln. Man sollte mit der Einstellung der Lautstärke vorab
wirklich vorsichtig sein, ansonsten könnte die ein oder andere Lautsprecher Box unbeabsichtigt das Zeitliche segnen. Das komische ist, dass dieser „Effekt“ auch auf die beiliegende CD zutrifft. Also, eine Neuerung ist der Sound hier in jedem Fall.

Kommen wir zur Musik. Der Opener „255“ ist ein Hit und überzeugt durch einen Breitwand Sound, der Oceansize alle Ehre macht. Mike Vennart`s Gesang scheint sich nicht verändert zu haben und offenbar ist der Herr auch nur äußerlich gealtert. Das hier ist Alternative Rock wie er sein sollte. Dichter Sound, toller Text und ein Refrain der so verzweifelt klingt, dass einem Vernarrt fast schon Leid tut.

„Doubt“ vermischt Indie Pop mit Metal Riffs und ist so eingängig wie ein Kinderfahrrad. „Infatuate“ ist möglicherweise der Song, den Incubus schon immer gerne schreiben wollte, es aber nie schafften. Der Refrain ist durchaus radiotauglich und ich wette in England läuft das Teil wie geschnitten Brot. „Rebirthmark“ ist irgendwie ein nerviger Song, in dem Mike Vernarrt wohl allzu gerne wie sein Namensvetter Mike Patton klingen würde. Leider gelingt das überhaupt nicht und schon nach dem zweiten Durchlauf ist das der Song mit „Skip-Garantie“. Das darauffolgenden „Duke Fame“ klingt mit seinem aggressiven Gesang und dem relativ hoch gesungenen Refrain wirklich gut, wirkt aber irgendwie auch nicht aus einem Guss, sondern zusammengeschustert.

Als etwas später das tolle „Retaliate“ erklingt, ist meine Welt wieder in Ordnung. Vertracktes Drumming und knarzender Bass machen diesen Song auch gesanglich zu einer echten Achterbahnfahrt. Die effektvoll eingesetzten Synthesizer geben „Retaliate“ einen richtig schön kranken Touch. Wenn dann plötzlich das seltsamste Gitarrensolo in der Alternative Rock Geschichte dazukommt ist Vennart wieder auf Oceansize Niveau.

Der vorletzte Song „Operate“ ist der oben angesprochene Demosong. Dieser wurde unlängst vom „Prog Magazine“ zum „Anthem of the Year“ nominiert und das nicht ganz zu unrecht. Toller Refrain und verschachtelter Singaufbau lassen aber durchaus auch Rückschlüsse auf seine Arbeit bei Biffy Clyro zu.

Insgesamt muss ich Vennart attestieren, dass sein Soloalbum wie ein richtig toll produziertes Alternative Rock Album klingt und keinesfalls, wie sonst bei dem ersten Soloalbum, nach Songwriter-Musik mit Akustik Gitarren. Nur leider gibt es Songs, die bei mir nicht die selbe Euphorie wie damals Oceansize auslösen. Es besteht kein Zweifel, dass Vennart sein Handwerk immer noch beherrscht und mit anderen Alternative Größen ganz locker mithalten kann. Nur beeindruckt mich das nicht mehr. Ich bin fast geneigt zu sagen, „Leider“. Wer aber modernen Alternative Rock zu schätzen weiß, sollte hier unbedingt ein Ohr riskieren.

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