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Anschnallen, Leute!

Hier kommt der erste, vielversprechende Track von GL!TCH, dem Hip-Hop/Noise-Projekt von Tobias Schwarz, seines Zeichens Produzent und Sound-Ingenieur im RAMA Studio zu Mannheim und verantwortlich für diverse Melting Butter Sessions, und Vladimir Dzokic aka Da Dzaka Nakot, einem charismatischen, politischen Rapper aus Skopje, Mazedonien.

Als ich für einen meiner letzten Artikel zur Melting Butter Session von BINGE mit Tobias gesprochen hatte, erzählte er mir bereits von diesem neuen Projekt, da Mark Heron (Drummer von BINGE, ex-Oceansize) ebenfalls die Drumbeats für GL!TCH eingespielt hat.

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Letzte Woche haben GL!TCH dann auf dem Mannheimer Brückenaward ihr Live-Debüt gegeben und im Anschluss daran ihr erstes Video zu Earl of Redrum auf ihrer Facebook-Seite hochgeladen, welches einfach viel zu gut ist, um es nicht auch über unsere Kanäle zu teilen!

Drückende, wabernde Bass-Wände schieben sich in eure Magengruben, sägende Gitarrenriffs fräsen sich durch die Gedärme, fette Drumbeats rollen durch die Gehörgänge und obendrauf die beeindruckenden Vocals von Rapper Vlad machen den Track zu einem absoluten Killer! Der organisch-noisige Hip-Hop Sound von GL!TCH erinnert auf Earl of Redrum an einigen Stellen an die letzten Kollaborationen von Techno Animal oder lässt vielleicht entfernt auch an härtere Prodigy erinnern. Ein Monster von einem Song!


https://youtu.be/wtvJV4wvoFY

Da uns Earl of Redrum einfach umgeblasen hat und wir gespannt darauf sind, was von GL!TCH noch zu erwarten ist, haben wir mit Tobi Schwarz Kontakt aufgenommen und ihn zum neuen Projekt und dem Videodreh zu Earl of Redrum befragt:

Tobi, wer gehört alles zu GL!TCH und wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

GL!TCH ist im Grunde genommen ein Duo bestehend aus Vladimir Dzokic aka Da Dzaka Nakot und mir. Vlad kommt ursprünglich aus Skopje und ist dort ein ziemlich bekannter Rapper. Seine Texte und sein Auftreten waren schon immer sehr politisch und er hat sich dadurch im Laufe der Zeit viele Feinde gemacht. Irgendwann wurde der Druck von der Regierungspartei und Nationalisten immer größer (das sind auch die Leute, die so nette Sachen unter das GL!TCH Video schreiben…), deshalb ist er hier nach Heppenheim gekommen, wo seine Schwester bereits wohnt.

Hier hat er dann 2016 als Küchenhilfe in einem Restaurant angefangen, und in diesem Restaurant hat ein guter Freund von mir als Koch gearbeitet. Er hat uns dann praktisch zusammengebracht.

Vlad fragte mich dann, ob ich Beats basteln kann, und ich hab einfach mal ja gesagt. Wir haben uns dann öfters nach der Arbeit zu Nachtsessions getroffen und einfach immer produziert, aber ohne ein klares Ziel, einfach nur mit Spaß. Ziemlich schnell haben wir gemerkt, dass das sehr gut funktioniert und dann auf eine EP hingearbeitet.

Wie ist die Produktion der Tracks vonstatten gegangen? Welche Nähe hast du in deiner sonstigen Arbeit zu Hip-Hop?

Für mich war es das erste Mal, dass ich Hip-Hop-Beats gebastelt habe, und für Vlad nach zahlreichen Hip-Hop-Alben auch mal etwas Neues. Das macht dieses Projekt auch für mich aus: Meine Beats sind nicht 100% Hip-Hop, sondern man kann deutlich hören, dass ich aus dem Rockbereich komme. Mir war es auch wichtig, dass wir keine Samples und Loops benutzen, sondern wirklich alles selber machen, dass bin ich einfach so gewohnt. Irgendwann hatten wir dann so viele Demos, dass klar wurde, dass wir eine LP machen wollen. Da ich ja im RAMA arbeite, war auch logisch, dass wir dort aufnehmen würden. Wir haben dann immer mal hier und da eine Woche gebucht und an der Platte gearbeitet, dann schließlich den Kontakt zu Mark Heron bekommen und dann nach und nach das Album weiter produziert.

Das Video zu Earl of Redrum ist meiner Ansicht nach ein absoluter Burner geworden! Wie kam das Video zustande? Wo wurde es gedreht und was zur Hölle ist das für ein Gefährt, auf dem Vlad und du zu sehen seid?

Vlad hatte darauf gedrängt, dass wir schon mal 2-3 Videos vorab drehen sollten, auch wenn das Album noch nicht fertig ist. Er hat von früher noch viele Kontakte in Mazedonien und so sind wir dann im April 2019 für 7 Tage nach Skopje gereist um 2-3 Videos zu drehen. Am Ende sind es dann 2 geworden, mit jeweils verschiedenen Video-Teams. Alles ist ziemlich spontan abgelaufen, und es war eine krasse Erfahrung in (Nord-)Mazedonien zu drehen. Die Idee hinter den Videos war ursprünglich eine kleine Parodie auf klassische Hip-Hop-Videos zu machen, also in der Hood mit der fetten Karre und Crew posen. So sind wir auf die Idee gekommen, das Video im Roma-Ghetto Shutka außerhalb Skopje zu machen. Vlad hat mir dann erzählt, dass man dort solche selbstgebastelten Autos mit montierter Kettensäge leihen kann, das hat perfekt gepasst. Hahaha.

Welche Erfahrungen hast du während des Drehs gemacht?

Zum einen ist da halt ganz viel Armut und Resignation, Müll überall, und man sieht auch wirklich heftige und skurrile Dinge. Manchmal sieht man zum Beispiel Graffitis mit politischen Slogans der Regierungspartei an Häuserwänden, es soll wohl so aussehen als würde die Jugend hinter der Politik stehen. Tatsächlich aber bezahlen Parteien jugendliche, um diese Slogans an die Wände zu sprühen. Wir mussten definitiv an vielen Drehorten Müll wegräumen, obwohl 1 Meter neben dem Müll ein leerer Mülleimer stand. Die Leute haben einfach keinen Bock mehr sich darum zu kümmern. Für mich war es auch verrückt zu sehen, wie wenig Chancen es dort für junge Menschen gibt. Wenn man einen Job bekommt, lebt man von ca 300€ bei Vollzeit, das reicht so gut wie nicht aus, bessere Jobs sind aber nur schwer zu bekommen. Wenn man dann zum Beispiel als Kameramann arbeitet und sich Equipment anschafft, kann man das kaum bezahlen bzw. zahlt es sich am Ende auch nicht wirklich aus. Daher wollen auch so viele Menschen aus Mazedonien auswandern und versuchen, europäische Pässe zu bekommen um das Land zu verlassen. Und wenn man dann eben in Shutka dreht, sind das noch mal viel heftigere Eindrücke. Man muss dazu wissen, dass Shutka das größte, selbst verwaltete Roma-Ghetto in Europa ist (ca. 30.000 Menschen). Die Roma erfahren sehr viel Rassismus in Mazedonien und leben von kleinen Tagelöhner-Jobs als Maler oder Schrotthändler. Da ihre Behausungen nicht als offizielle Adressen anerkannt werden, bekommen sie keinen mazedonischen Pass und können das Land in das sie abgeschoben wurden, nicht mehr verlassen. Der junge Mann, von dem wir das Vehikel ausgeliehen haben, kam zum Beispiel aus Deutschland und konnte fließend deutsch sprechen. Da die Bewohner von Shutka natürlich Fremden skeptisch gegenüber sind, haben wir uns einen Roma Taxifahrer gesucht, der dann mit uns zusammen nach Shutka gefahren ist und mit den Leuten geredet hat. Ab dann waren alle Menschen, die wir dort getroffen haben, total herzlich und freundlich. Essen & Trinken welches wir mitgebracht haben, wollten sie aber auf keinen Fall anrühren, da in den Monaten zuvor Kinder entführt wurden und nie wieder aufgetaucht sind. Um diese Fälle kümmert sich auch niemand. Es war auf jeden Fall ein aufregender Drehtag, und ich glaube innerhalb von 4 Stunden war alles im Kasten.

Wer zeichnet sich denn für die Video-Credits verantwortlich?

Wir hatten zwei Kamera-Männer dabei, Boris Kaevski und Aleksander Rizinksi. Letzterer war auch für Schnitt und Finalisierung des Videos zuständig – und hat unserer Meinung nach einen super Job gemacht.

Worum geht es genau in Earl of Redrum?

Das Lied an sich handelt von der Xanax / Opioid-Epidemie in Amerika und den damit verbundenen Toden, speziell in der Rap und Trap-Szene!

Wie geht’s weiter mit GL!TCH? Ich will doch mal hoffen, dass da schnell noch mehr Tracks und ’n Album hinterher kommen!

Alle Songs des Albums gehen voll auf die Zwölf, mit einem schönen „Fuck You“. Hehe. Aber es wird wohl noch bis Januar oder Februar dauern, bevor es fertig ist. Wir laden Ende des Monats noch ein zweites Video hoch und dann im Dezember evtl. noch ein drittes, und dann mal schauen was geht.

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