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So wie es damals war, so wird es nie wieder sein…

Betretenes Schweigen folgt auf diesen ebenso schweren wie bedrückenden Satz. Niemand regt sich und nicht mal ich traue mich dir zu widersprechen.

Du hast mir an diesem Tag ein bisschen zu tief in die Augen geschaut als du mir erklärtest was Musik für dich bedeutet und was sie dich fühlen lässt. Das Unbändige, die rauen Klänge, die schreiende Imperfektion, die dich vervollständigt. Noch Nächte später liege ich wach, starre Löcher in die Wand. Die Tatsache, die du da einfach mal so in den Raum gestellt hast, beschäftigt mich.

Vor meinem inneren Auge tauchen Bands wie The Rolling Stones, umringt von hysterischen Massen, auf.

Was war damals der Tropfen, der das Fass derart zum Überlaufen brachte, dass die Rockmusik eine ganze Jugendbewegung hinter sich her zog, die Konflikte in Gesellschaft und Generationen zum Aufbrechen zwang?

Was war diese Rockmusik und was machte sie zu dem Maßstäbe-setzenden, explosiven, emotionalen Material, das sie ist?

Dazu möchte ich jetzt erstmal einen Blick auf die amerikanische Kultur der 1950er Jahre werfen. Also herzlich Willkommen, in besagtem Teil 1 meiner Geschichte über Rockmusik.

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Es ist Sommer 1954 in Ohio. Ich stelle mir vor, wie ich in dem Buick Skylark meines Vaters (dem neusten heißen Modell, dass die Autoindustrie in diesem Jahr zu bieten hatte) über eine Straße in Richtung Cleveland fahre. Langsam, aber sicher setzt die Dämmerung ein, als wir gerade an einer örtlichen High School vorbei rollen.

Meine beste Freundin, hat sich neben mir platziert und streicht gerade mit der einen Hand eine kleine Falte aus ihrem knielangen Petticoat-Rock, während sie mit der anderen eine Winston-Zigarette zum Mund führt. Dicke Rauchschwaden wabern durch das Auto und suchen sich ihren Weg durch das einen Spalt breit geöffnete Fenster. Am Straßenrand sammeln sich kleine Menschentrauben von Schülern, die sich gerade auf den Heimweg machen.

In diesem Jahr wurde die Rassentrennung innerhalb der Schulen für verfassungswidrig erklärt, was die Schülerschaft also zunehmend bunter machte. Doch vor allem im Süden des Landes, stieß allein der Versuch des Abbaus der Rassendiskriminierung auf Gegenwind.

Durch den Koreakrieg, in dem alle wehrfähigen Männer unabhängig von der Hautfarbe, miteinander gekämpft hatten und dem gewonnenen zweiten Weltkrieg, welcher immerhin ein Krieg gegen Rassismus und für Demokratie gewesen war, sollte die Rassenintegration vom Staat zumindest versuchsweise gefördert werden.

Ich drehe das Autoradio auf, gerade läuft Little things mean a lot von Kitty Kallen. Die melodische, zarte, träumerische Musik mit den beruhigenden Streichern im Hintergrund und der wohlklingenden Stimme, taucht den Abendhimmel in ein noch wärmeres Licht.

Während wir fahren, reden wir über den ausgezeichneten Modegeschmack und die Karriereleiter, die der Verlobte meiner Freundin gerade hochklettert. Wahrscheinlich wäre ich zu der damaligen Zeit sogar ein bisschen neidisch auf ihre Aussichten gewesen. Es galt als gesellschaftlich erstrebenswert eine Kleinfamilie zu gründen, ein gutes Auto zu kaufen oder sich ein Eigenheim aufzubauen.

Die traditionellen Tugenden wie Pünktlichkeit, Ordnung, Fleiß oder Sauberkeit, waren sowohl bei den Erwachsenen der U.S.A., als auch den Deutschen tief verankert.

Auch das Rollenverhalten war ganz klar festgelegt; der Mann hatte die Rolle des Oberhaupts und des Versorgers der Familie, während sich die Frau um die Kinder und den Haushalt kümmern sollte. Die Einstellung beinhaltete sowohl die Modewelt, als auch die Sicht auf Sexualität.

In dieser Zeit gehörte es sich, schlicht und er ergreifend nicht, gerade als Frau, an Sex außerhalb der Ehe, überhaupt zu denken. Zumindest nicht, wenn man nach gesellschaftlicher Anerkennung strebte.

Das kleine kastenförmige Auto rollt nun schließlich auf einen Parkplatz. Die Sonne ist inzwischen hinter den Hausdächern verschwunden und wir werden von einigen Freunden begrüßt. Junge Männer lehnen an der Motorhaube einer weißen Chevy Corvette und stecken sich ganz lässig, die im Mundwinkel hängende Kippe an.


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Entgegen des militärisch geprägten Kurzhaarschnitts der Väter, trugen sie, vor Gel förmlich triefende Haare zu einer Tolle frisiert, eine sogenannte „Ente“. Doch diese gewollten Gegensätze, die zu dieser Zeit als neue Aufsässigkeit der Jugend gewertet wurden, kamen nicht von irgendwo.

Als der zweite Weltkrieg endete, kehrten auch nach und nach Soldaten wieder in die Heimat zurück. Väter, die also jahrelang abwesend waren, kommen nun getränkt mit den furchtbaren, teils traumatischen Erlebnisnissen aus den Kriegen zurück nach Hause und treffen dort auf ihre inzwischen groß gewordenen Söhne, welche in den letzten Jahren gelernt haben für sich selbst zu sorgen und somit ihre eigenen Lebens- und Werte-Einstellungen entwickelt haben.

Die väterlichen Vorbilder, waren kriegsbedingt abwesend oder im Falle der Anwesenheit, noch innerlich gebrochen von den Kriegserfahrungen, was ihren Kindern auch nur bedingt verborgen blieb, trotz dem Versuch, äußerlich Stärke zu demonstrieren.

Natürlich finden sich die Jugendlichen ebenfalls in einer männlich geprägten Kultur wieder. Ihr entstandenes Selbstbild war aber nicht fremdbestimmt oder patriarchalisch geprägt, sondern eher zivilistisch und lässig, aufgrund der Abwesenheit besagter väterlicher Autoritäten.

Vielleicht wollte die junge Generation einen eigenen Platz in der Gesellschaft anstreben, die von individueller Kultur geprägt war. Womit natürlich auch einherging, dass bis dato unangefochtene Autoritäten in Frage gestellt wurden.

Provokativ schnippt einer von ihnen seine Zigarette vor sich auf den Boden, als ein älterer Herr grimmig schauend an uns vorbei läuft. Der grauhaarige Mann ist elegant, in Anzughose und Hemd gekleidet, während die Halbstarken um uns Jeans und T-Shirt tragen.


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Plötzlich dreht jemand die Musik meines Autoradios auf. Auf einmal erhebt sich Bill Haleys Stimme aus der Stille und singt „We’re gonna rock around the clock tonight“.

Spätestens jetzt können wir uns der nachbarschaftlichen Missgunst sicher sein, als hätte das bloße Auftreten nicht schon genügt.

Diese gleichnamige Schallplatte verhalf dem Rock ’n‘ Roll 1954 zum internationalen Durchbruch.

Als ich mich mit meinem Auto wieder auf den Heimweg mache, dudelt immer noch das Radio. Alan Freed, ein Radio DJ aus der Gegend, hielt die „weiße“ Popmusik, also beispielsweise Frank Sinatra oder Dean Martin für weniger tanzbar und veröffentliche in seiner Sendung, die sich „The Rock ’n‘ Roll – Show“ nannte, spätabends Rhythm and Blues Platten.

Dieser R&B war ein weniger rassistischer Obergriff für afroamerikanische Musik, die eine stärker akzentuierte Form des Blues war, die also einfach mehr „Pfiff“ hatte.

Da er sich aber aufgrund der fortwährenden Rassendiskrimierung schlechter verkaufen ließ, versuchten große Plattenfirmen die Platten von weißen Künstlern aufnehmen zu lassen.

Diese teils stark veränderten Coverversionen vermarktete man dann als „Rock & Roll“.

Die Texte des R&Bs waren aber auch nicht selten so eindeutig, dass man sie kaum und erst Recht nicht im „weißen“ Radio, spielen konnte. Erst Recht in Anbetracht der Tatsache, dass konservative Werte noch tief in den Köpfen der Gesellschaft schlummerten.


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In diesem Jahr 1954 war beispielsweise der größte R&B-Hit Work with me, Annie von Hank Ballard & the Midnighters aus Detroit. Der Song sollte ursprünglich „Sock it to me, Mary“, also übersetzt „Gib’s mir Maria“ heißen.

Ein Jahr später schaffte es eine Coverversion von Annie had a baby, auch von Hank Ballard aufgenommen, von der weißen Sängerin Georgia Gibbs, das zu Henry dance with me wurde, auf Platz 1 der Pop-Charts.

Wäre es ein Jahr später gewesen, hätte ich vermutlich Tutti Frutti von Little Richard beim Nachhausefahren gehört. Dann hätte ich hinter dem Steuer munter, die weltbekannte Textzeile „Tutti frutti, au rutti“ vor mich hingesummt.

Im Originaltext heißt es übrigens auch nicht „au rutti“ sondern „good booty“, was damals aber zu obszön war und deswegen entschärft werden musste. Der King des Rock ’n‘ Roll, Elvis Presley, coverte diesen Song 1955, also ein weiteres Jahr später.

Das RollingStone-Magazin veröffentlichte in einem Nachruf zu dem kürzlich verstorbenen Little Richard ein Zitat von Steven van der Zandt, in dem es heißt: „Little Richard war der Mann, der den Rock ’n‘ Roll erfand. Elvis Presley machte ihn populär.“

Für mich liegt der Wert dieser Aussage in der Art und Weise wie Little Richard beispielsweise mit sexuellen Vorstellungsbildern spielte oder allein wie „kreischend“ er seine Stimme einsetzte.

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Gerade wenn man das allseits bekannte A-wop-bop-a-loo-bop von ihm mit dem vorhin benannten weichen, wohlklingenden Kitty Kallen-Song vergleicht, fällt die raue, wilde, kreischende Attitüde umso mehr auf.

In meiner Vorstellung machen wir jetzt wieder einen kleinen Zeitsprung.

Es ist jetzt 1956, immer noch Ohio, immer noch Sommer und immer noch im Auto neben meiner besten Freundin sitzend. Sie ist mittlerweile mit ihrem Mann verheiratet und gerade mit Kind Nummer 2 schwanger. Inzwischen würde ich Winston-Zigaretten qualmend am Steuer sitzen und der weltbekannten Stimme von Elvis Presley lauschen, während meine Finger auf dem Lenkrad den Takt mitklopfen.

Wahrscheinlich würden wir uns über den „Rockstar“ Elvis Presley unterhalten und wie er unsere Herzen immer wieder höher schlagen lässt.

Als dieser Mann ab 1956 so richtig auf die öffentlichen Bildfläche trat, kam ein weiterer Faktor ins Spiel, welcher die Entwicklung der Rockmusik und ihren Einfluss auf die Jugend maßgeblich beeinflussen sollte.

Die Geburtsstunde des Rockstars hatte geschlagen.

Bis dato hatten die medienaffinen Jugendlichen größtenteils in Filmstars Identifikationsfiguren gefunden. Doch wie wir alle wissen, sind eben diese Hollywoodstars oft ein sehr makelloses, ausgereiftes und in sich schlüssiges Produkt der Filmindustrie. Damit fehlen ihnen die kleinen menschlichen Makel, die Jeden von uns interessant machen.

Ich meine welche Frau kennt nicht diesen einen Kerl, den wir immer aus der Ferne angeschmachtet haben und von dem wir dachten, dass wir die Eine sind, die ihn aus seinen persönlichen Miseren rausholt und ihn wieder auf die richtige Spur bringt?

Und vielleicht geht es auch gerade um diesen Moment der Imperfektion, den Rockmusik oft inne hat.

Bei anderen Musikstilen, wie zum Beispiel bei klassischer Musik oder beim Jazz, ist die handwerkliche Virtuosität ein wichtiger Bestandteil der Performance.

Elvis wippender Gesang bei dem Song That’s all right, Little Richards inbrünstige Stimme oder auch die zweideutigen Texte des R&B, öffneten innerhalb ihrer Zeit, gerade dadurch einige Türen für ihre Nachfolger, die damals wenig später in England, R&B Platten gemeinsam abfeten würden, weil eben nicht immer alles „perfekt“ zu sein scheint.

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Da ist die vorhin bereits angesprochene faszinierende Imperfektion, die in der Lage ist einen Menschen in all seiner Unvollkommenheit für einen Moment zu vervollkommnen. In all seinem rohen Schmerz, zwischen wilder Liebe oder zerreissender Trauer.

Die Reichweite des Filmstars endet außerdem oft mit dem Verlassen des Kinosaals, während die Rockstars wie Elvis damals, unsere Hüften noch heute dazu auffordern, das Tanzbein in seinem Stil zu schwingen.

An dieser Stelle möchte ich gern auf eine Live-Aufzeichnung von einem Elvis Presley-Konzert in Las Vegas 1977 verweisen.

Während des Liedes Suspicous Minds, tanzt Elvis im hautengen, weißen und tief ausgeschnittenen Fransen-Anzug, zu einer der Chorsängerinnen hinüber und schaut ihr ganz tief in die Augen, gerade als er „i’m caught in a trap, i can’t walk out because in love you too much baby“ singt. Absolut hörens- und sehenswert, da werden mir glatt die Knie weich.

Wahrscheinlich liegt gerade in solchen Momenten die Ehrlichkeit, die Einmaligkeit , die Authentizität, und Individualität und die Magie, die es scheinen lässt, als würde der Abstand zwischen Musiker und Hörer immer kleiner werden.

Aber liegt darin nicht das kleines Stückchen Freiheit, dass mich vom Schreibtisch, hinter das Lenkrad eines Oldtimers oder in wilde Konzerte schweben lässt und nach dem jeder von uns gelegentlich mal greifen muss?

Ich bin nun gedanklich wieder vor meiner Tastatur, in die ich gerade inbrünstig hinein hämmere.

Die eigentliche Frage oder mehr die Tatsache, die du vor ein paar Tagen in den Raum gestellt hast, kann ich immer noch nicht wirklich beantworten.

Ich bin aber dem Lebensgefühl des Rock, ein kleines Stückchen näher gekommen. Einem Gefühl, dass es, trotz des „Alters“ der Musik, immer noch in mir zu wecken vermag.

Aber vielleicht komme ich der Antwort näher, wenn ich mich zeitlich weiter vor taste und meinen Blick auf das England der 1960er Jahre richte. Aber das wird Teil 2 unserer Reise hinter die Kulissen sein.

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Titelbild: Innenseite der Klappcover-Vinylversion von Rainbows Long Live Rock ’n‘ Roll

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