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In der Ruhe liegt die Kraft – Indiepop zwischen Neo-Klassik und Moderne.

LP kaufen Vö: 13.10.2017 Fierce Panda

Wenn ich in mich gehe und mir überlege, wie häufig ich das Adjektiv „schön“ verwende, fällt mir auf, dass das eigentlich so gut wie nie vorkommt. Warum? Weil das Wort irgendwie in die Profanität abgerutscht und modernen, manchmal übertriebenen Bezeichnungen gewichen ist. „Trick Of The Light“, das zweite Album der Briten von Wooden Arms ist tatsächlich einfach nur schön. Ruhig, andächtig, fühlig und stimmig. So dämlich das auch klingen mag, man fühlt sich regelrecht wohl und behütet beim Hören.

Der Titeltrack gibt direkt die Richtung vor, in die das Album bis zum Ende gehen wird. Ein leises Streichergeschwirre, dezentes Piano und eine sehr angenehme, ruhige Stimme sind die Basis dieser zwar dynamischen, aber dennoch unaufgeregten Musik. Irgendwie klingt es, als spiele sich alles in der Dunkelheit der Nacht ab, was aber vielleicht eine durch das stimmige Cover hervorgerufene Assoziation sein könnte. Die Streicher werden nach und nach dichter, ein Schlagzeug taucht auf und Bläser gesellen sich dazu, die dem ganzen einen jazzigen Guss auftragen. Es klingt ein wenig wie ein Indie- oder Dreampopschlaflied, ich denke, das ist eine recht treffende Beschreibung. „Restless“ bringt Gitarren und eine Orgel ins Spiel und wird mit einem coolen, aber zurückhaltenden Drumbeat unterlegt. Viele verschiedene Stimmen harmonieren mit den anschwebenden Streichern, der Fokus liegt auf dem feinen Gesang und alles klingt wie eine klassischere Version der frühen EELS.

Das spacige, psychedelische „Twenty Thousand Streets Under The Sky“ nimmt den Fuß vorerst gänzlich vom Gaspedal und schwingt melodisch und verträumt vor sich hin, bis die Gitarren deutlicher und direkter werden und so langsam kommt der Wunsch nach wenigstens etwas mehr Action auf. Die kommt direkt mit „Cole Porter“, in dem ein cheesiges Stummfilmklavier mit sachten HipHop-Beats unterlegt wird. Der vielstimmige Gesang erinnert stark die ersten Alben der Fleet Foxes, aber das macht überhaupt nichts. Irgendwann gewinnt eine Stimmung wie in einem Mafia-Film Soundtrack die Oberhand, es wird poppiger, verträumter und letztlich sogar etwas triphoppig.

„Bells“ ist ein kurzes Interlude mit Piano und rückwärts abgespielten Sounds, dass sich „Lost In Your Own Home“ hineinsteigert. Hier veredelt ein Cello die Pianomelodie und sorgt sofort für eine wohlige Stimmung. Die dramatischen, aber hoch melodiösen Streicheranteile wirken wieder wie ein Filmsoundtrack, aber hier legt der Sänger noch mal eine ganze Schippe Intensität in seine Stimme, die dadurch zittert und (natürlich gewollt) unsauber klingt. Fett und orchestral geht es kurz zu Werke und auch zu Ende und „Burial“, eines der schönsten (da ist es wieder, das Adjektiv) Stücke des Albums beginnt. Eine bittersüße, schwermütige Melodie, leichte Streicher und die sanfte Stimme des Sängers werden dem Titel schnell gerecht. Auch wenn erst nicht besonders positiv, kann man sich doch im musikalischen Thema verlieren! Die Melodien bleiben bestehen, jedoch wird nach und nach ein trippiges, poppiges Gewand angelegt, das dick aufträgt und damit durchaus pompös wirkt. Fast schon wie ein Bond-Soundtrack, nur recht kraftlos geschüttelt. Ohne Streicher würde der Song übrigens überhaupt nicht funktionieren, die Bedeutung der Bogenschwinger ist wirklich immens für den Sound der Band.

„Movie Stall“ erinnert an Yann Tiersen und wäre ich ein Synästhetiker, sähe ich sicher nur Grautöne. Nebulös, aber stimmungsvoll, die Bläser gefallen mir hier auch ausgesprochen gut. Das folkige „Encrypted“ verbindet gepickte Gitarre mit raumfüllenden Streichern, was natürlich sehr gut funktioniert. Weit entfernt mischen sich Elektroklänge dazu und eine Violine tobt sich aus. Das Ganze könnte locker eine Traumsequenz darstellen, was auch wiederum in den Albumflow passt.

Undefinierbare, raumfüllende stehende Töne stellen „Bravity“ vor, die man letztlich doch als Streicher identifizieren kann. Piano und Stimme sind etwas weit weg, aber alles in allem klingt das Stück positiver als die meisten anderen und befindet sich abwechseln in mehreren Stadien. Mal leiser, mal lauter, schneller, langsamer, vorsichtig oder direkt. Das kurze „Yawning At The Apocalypse„ klingt nach Ludovico Enaudi inmitten einer Gruppe Mariachi-Bläsern nach wenigstens 12 Tequilas und ist auch wieder nur die Hinleitung zum abschließenden „Milk Teeth“. Schlagzeugbeats, Chöre und launische, tanzende Gitarren verbreiten ungewöhnlich gute Laune. Obwohl man sich während des ganzen Durchlaufs wohl gefühlt hat, beschleicht einen das Gefühl, etwas überstanden zu haben. Das ist Kunst!

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