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„Retain“, das zweite Album von Tobias Mösch alias Yellowknife, ist ein typischer Grower.

Vö: 21.09.2018 Grand Hotel van Cleef iTunes LP kaufen

Beim ersten Hören unscheinbar, wie das Mädchen, das du in der siebten Klasse auf dem Schulhof kaum wahrnahmst. Es hatte keine strahlend blauen Augen, trug keinen leuchtend roten Lippenstift, keine bunten Kleider. Doch dann wurde sie im Matheunterricht neben dich gesetzt, du begannst dich mit ihr zu unterhalten und auseinanderzusetzen. Es dauerte eine Weile, in denen du immer nur in diesen vier Mathestunden pro Woche mit ihr sprachst, bis ihr schließlich verdammt gute Freunde wurdet.

Wie dieses ruhige Mädchen, deren spannende Geschichten dich immer mehr in ihren Bann zogen, verhält es sich auch mit Yellowknifes „Retain“.

Möschs Stimme klingt anfangs genauso angenehm wie unspektakulär. Gitarrenmelodien und Schlagzeugrhythmen bilden ein passendes Schlagzeug-Gitarre-Bass-Gerüst, das sich nie so schwindelerregend hoch auftürmt, dass man Angst bekommen müsste. Das Gehörte erinnert an Emo-Indie-Rock-Bands der 90iger, die immer unweigerlich mit den jeweiligen Frontmusikern und Songwritern assoziiert wurden, wie Davey van Bohlens The Promise Ring oder Karl Larssons Last Days Of April.

So laufen die 10 „Retain“ Songs einmal durch, laufen auch das zweite und dritte Mal durch, ohne dass sie stören würden. Beim vierten Hördurchgang wippst du mit dem Knie mit und beginnst zuzuhören, wovon Mösch da singt, beginnst die melancholische Musik anders und intensiver wahrzunehmen. Der Opener „Don’t You Ever Arrive“ mit der einprägsamen Zeile „I’m Falling In Love With The Stars“ berichtet vom rastlosen, nie enden wollenden Künstler-Ehrgeiz, etwas Großes schaffen zu wollen. „Pelicans“, „Travels“ und das wunderschön positive „Over The Treetops“ sind der Soundtrack zu einer Fahrt entlang der amerikanischen Westküste, an der sie Mösch auch geschrieben hat. Das Ganze klingt so verträumt und sehnsüchtig, dass man gern dabei gewesen wäre.

Die vielen kleinen Geschichten über große Leidenschaften, persönliche Beziehungen und Lebenseinstellungen bilden nach und nach Widerhaken in den eigenen Gedanken und Erinnerungen.

Aber nicht nur die Lyrics, auch die Musik wirkt auf einmal viel intensiver. Plötzlich reißt dich beispielsweise die Wucht des bei 1:40 Minuten in „Whispers In The Dark“ einsetzenden Schlagzeugs mit in den reißenden Strom des Songs, der dich erst in den letzten Takten wieder ans Ufer lässt.

Das zweite Yellowknife-Album „Retain“ solltest du als Appell gegen die Oberflächlichkeit verstehen.

Manchmal sind es genau die Dinge, die weniger funkeln, leuchten und blinken, die dich länger und nachhaltiger beschäftigen und faszinieren. Diejenigen, die am lautesten schreien, erzählen nicht zwangsläufig die besten Geschichten. Nur weil in den ersten dreißig Sekunden weder Refrain noch Punchline untergebracht sind, heißt das nicht, dass es kein Hit ist. Also besorg dir diese Platte. Leg dein Handy mal für 35 Minuten zur Seite und vergiss all die Unterhaltungen bei Whatsapp, Facebook, Instagram und sonstwo, die auf deine Antwort warten könnten. Dreh die Anlage laut und die Heizung auf fünf. Hör einfach nur zu, zur Not zwei- oder dreimal und wage es dann zu behaupten, dass diese 35 Minuten dir nicht guttaten.

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