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Unsere Zeit ist abgelaufen. Du gehst mir auf den Zeiger. Kaum ein Gegenstand ist so oft Protagonistin abgedroschener Phrasen wie die Uhr.

Nicht so bei Zinnschauer. Jenseits aller Allgemeinplätze offenbart der Hamburger Screamo-Troubadour die Wortgewalt hinter dem Zifferblatt.–„Hunger. Stille“. Schon das Artwork der LP enthüllt: Das sind zwei Zahnräder, zwei Seiten einer Beziehung, ineinander verzahnt, doch nicht intakt. Das eine ausgehungert und verzweifelt, das andere still und zurückgezogen. „Hunger. Stille“ ist das lyrische Protokoll einer Trennung.

Alles Dein Werk unserer Uhr. Verzahnt, Dein Werk unserer Uhr. Versagt, Dein Werk unserer Uhr.

Mit akribischer Sorgfalt öffnet Zinnschauer das Gehäuse und sieht ins Innere der gescheiterten Beziehung auf der Suche nach dem Fehler, der das „Wir“ ins Stocken gebracht hat. Sein Werkzeug: Wort, Stimme und Gitarrenklang. Wie bereits auf seinen vorangegangenen Werken „Kalter Blick, Scharfer Zahn“ und „Ich bin deine wachsenden Arme“ liegt der Fokus des Albums ganz auf Jakobs Erzählung zwischen Flüstern, Greinen, Schreien und seiner virtuosen Gitarrenbegleitung, mal zaghaftem, mal tollkühnem Picking, scheppernden Akkorden, hallender Klangkörperpercussion. An zusätzlicher atmosphärischer Dichte gewinnt der „Zinnschauder“ durch die chorale Begleitung von Joni und Sjard, die Mitschaffende des Gesamtkunstwerks Zinnschauer sind.

Augen und Herz verkehrt verschraubt, ich hab dir viel zu lang vertraut.

Die Stücke auf „Hunger. Stille“ muten wie die Szenen eines Dramas an, das jedoch nicht chronologisch erzählt wird. Auf Wut folgt Resignation folgt Hoffnung folgt Verständnis. Die Zeiger beben orientierungslos unter der Ungewissheit, was war, was sein wird und werfen Zuhörende hin und her zwischen Erlösung und Einsamkeit. Melodiöse und akustische Zitate des Vorgängers „Ich bin deine wachsenden Arme“, das mit der Zuversicht absoluter Einigkeit endet, werden negiert und schmerzen umso mehr:

Kein Kuss auf die Stirn. Kein Kleid vergraben. Es ist still um uns. Warum?

Der Gehalt der Zinnschauer’schen Metaphorik ist so reich und gehaltvoll wie nie, bedeutungsschwer verankern sie das stürmische Gitarrenspiel in seinem Grund. Beeindruckend ist dabei die Doppeldeutigkeit ihrer Bildlichkeit, die die, je nach Gemütszustand changierende, Erkenntnis des Erzählers hervorhebt und verstärkt. Ein Beispiel:

Deine Zähne zittern, wenn Du lachst und nur so tust.

Menschliche Zähne verbeißen sich in Zahnradzähne, Unsicherheit verbeißt sich in Mechanik.

Zu sagen bleibt: Das Uhrwerk, von dem Jakob erzählt, bleibt gut verschlüsselt und erschließt sich nur seinen Uhrmachern in seiner ganzen Komplexität. Dennoch klingt sein Ticken für jeden vertraut, löst bekannte Gefühle aus, reißt alte Wunden auf. Oder, um es mit Rückgriff auf Zinnschauers eigene Genre-Bezeichnung „Märchen-Emo“ zu sagen: In jedem Märchen steckt ein Funken Wahrheit. Und der tut in diesem Fall ziemlich weh.

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