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Ich bin eigentlich kein großer Fan von Nachrufen. Schon gar nicht von denen, die ein Jubiläum feiern. Den Todestag eines Künstlers zu zelebrieren, wirft bei mir Bilder von Tänzen auf Gräbern hervor.


Angemessen wäre es also vielleicht, mit Vorsicht eines Künstlers zu gedenken. Schon besser. Stellt sich nur die Frage, wie man das angemessen macht. Trägt man Schwarz? Hört man vielleicht nur andächtige Musik? Geht man etwas geknickter durch die Straßen? Ein ganz normaler Tag im Leben eines Joy Division-Fans also, wenn er aufwacht und in seinem mit Nieten bespickten Notizheft nachliest, dass sich Ian Curtis heute vor 38 Jahren das Leben nahm. Dabei ist es bei den meisten – mir eingeschlossen – so, dass sie sich nicht daran erinnern können. Joy Division ist zu einem Kult geworden, das wären sie auch ohne Ian Curtis‘ Selbstmord, aber es umgibt sie eine mysteriöse Atmosphäre. Niemand kann wissen, was aus ihnen geworden wäre. Eine große Band vermutlich, hätten sie Comeback-Konzerte gespielt?

New Order ist nur eine Konsequenz aus der Not. Die Musik ist nicht vergleichbar, der Mythos ist verloren gegangen. Ian Curtis ist eine Koryphäe, man zitiert ihn in Theaterhäusern und findet ihn in Lyrikbänden, seine Videos gehen auch 38 Jahre nach seinem Tod um die Welt. Sein Tanz ist zu einem Beispiel geworden und sein unscheinbar Äußeres zum Symbol vieler unverstandener Jugendlicher über Generationen.

Meine Begegnung mit Joy Division war intensiv, kam aber spät. Es ist keine dieser Bands, die ein Vater seinem Sohn grundsätzlich zum Hören gibt, wenn er jung ist. Die Rebellion in Sound und Songwriting hat mich geprägt und das nicht nur musikalisch. Ian Curtis‘ Texte sind Musterbeispiele und Abbilder eines Manchesters in industrieller Zeit.

https://www.youtube.com/watch?v=zsHoOIHDutE

Mit „So this is permanence“ erschien am 27. März 2015 ein Monument seines dichterischen Schaffens im Rowohlt-Verlag. Gut. Ob Deborah Curtis damit Geld aus einem Mann schlagen will, der sie aufs Heftigste betrogen hat, ist fragwürdig. So oder so: Eine Textsammlung war längst überflüssig. Die Musik jedoch wird seit Jahren – schlecht bis mäßig – gecovert, auf Parties gespielt und in weiteren Best-Of-Alben neu aufgelegt. Das wirft bei mir eher Bilder von Tänzen auf Gräbern hervor.

Eines aber bleibt. Heute wird einem Mann gedacht, der definitiv zu früh gegangen ist. Seine Art unvergleichlich, seine Musik unausweichlich. Wir sollten heute vielleicht alle einen Moment innehalten und durchatmen. Auf Play drücken und zuhören. Aber bitte nicht Love will tear us apart. Das wäre zu pathetisch.

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Respekt. Der Artikel wird der Kunst, dem Künstler und dem Jahrestag gerecht. Volltreffer.

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